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Städte im Wellengang

Durch den Klimawandel steigt der Wasserpegel der Meere. Europäische Metropolen, die bislang höchstens temporär von Flutwellen betroffen waren, müssen sich nun Gedanken machen und neue Lösungen finden. Doch statt mit Deichen den Wellen zu trotzen, bauen Stadtentwickler nun direkt im und auf dem Wasser. Einer der wichtigsten Aspekte dabei: das Energiekonzept der schwimmenden Metropolen soll klimaschonend sein.

 

Der Begriff Hochwasser löst bei alt eingesessenen Hamburgern, die 1962 die Sturmflut miterlebten, noch heute den Wunsch aus, die Deiche höher zu bauen. „Doch das wird auf lange Sicht nicht ausreichen“, sagt der Hamburger Klimaforscher Mojib Latif. Denn der Klimawandel zeigt auch bei uns in Europa seine ersten Auswirkungen. Hitzewellen wechseln sich mit sintflutartigen Niederschlägen ab, eine der deutlichsten Ausprägungen ist das verstärkte Hochwasser. „Die Klima-Prognosen für die Welt in fünfzig Jahren zeigen deutlich auf, dass die Deiche nicht mehr ausreichen werden“, sagt Latif. Es müssen andere Lösungen gefunden werden, um die Menschen und deren Wohnraum vor dem Wasser zu schützen. Gerade in den europäischen Hafen-Metropolen Hamburg, Kopenhagen, Stockholm oder Amsterdam gibt es Städtebaukonzepte, die das Wasser nicht aus der Stadt heraushalten, sondern die Wohnfläche im Wasser integrieren. „Die Städte müssen sich mit neuen Städtebaukonzepten dem Klimawandel anpassen“, sagt Uli Hellweg, bis April 2015 Geschäftsführer der Internationale Bauausstellung in Hamburg (IBA). Eines der Leitthemen der IBA lautet ‚Stadt im Klimawandel’. Unter diesem Aspekt entstanden seit 2007 spannende und energiesparende Wohnkonzepte für das Leben am und auf dem Wasser. So wie etwa die spektakulären WaterHouses in der Mitte der Elbinsel.

 

 

 

 

Die Water Houses in Hamburg

Dieses Projekt ist eines der europäischen Vorzeigebeispiele, wenn es darum geht, wie man Wasserlagen als Wohnstandort nutzen kann: Die vier Häuser mit je drei Wohnungen und dem herausragenden Water-Tower mit 22 Wohnungen stehen in einem 4.000 Quadratmeter großen Regenrückhaltebecken, also mitten im Wasser. Rückhaltebecken fungieren als Auffangfläche nach stärkeren Regenfällen oder wenn die Flut steigt und entlasten damit die Pumpe an den Deichen. Die WaterHouses sind nicht aber nur ein gutes Beispiel dafür, wie städtebaulich in Zukunft mit einem steigenden Wasserspiegel umgegangen werden kann, auch das Ressourcen schonende Energiekonzept der Häuser hat den Klimawandel im Blick.

Die Passivhäuser haben einen sehr geringen Wärmebedarf, der wird über die natürliche Grundwasserwärme und die Sonneneinstrahlung gedeckt wird. Die Häuser besitzen Sonnenkollektoren an der Fassade und eine Geothermie-Wärmepumpenanlage nutzt das Wasser zur Temperierung der Häuser. Die intelligente Gebäudetechnik steuert zudem die Frischluft- und Energiezufuhr und gibt den Bewohnern Rückmeldung über ihren Energieverbrauch. Die WaterHouses sind auch an den Energieverbund Wilhelmsburg Mitte angeschlossen. Das bedeutet die Häuser können ihre Überproduktion an erneuerbarer Energie einspeisen. Die einzelnen „Mikrokraftwerke“ in den Gebäuden werden von Hamburg Energie per Fernüberwachung zu einem großen „virtuellen“ Kraftwerk zusammengeschaltet, das flexibel auf die unterschiedlichen Energiebedürfnisse der Teilnehmer reagieren kann.
Dazu kommt, dass alle 60 Gebäude der IBA auf ihre Energieperformance hin untersucht werden. Ausgewertet werden die Ergebnis vom Institut für Gebäude- und Solartechnik (IGS) der TU Braunschweig. Alle Daten zum Strom- und Wärmeverbrauch werden etwa über Internet, Telefonleitung oder Mobilfunkverbindung von den verschiedenen Messstationen eingesammelt und dann im Internet visualisiert. „Damit ist der Energie-Navigator die erste vollständig webbasierte Lösung für Energiemanagement und Datenauswertung“, erklärt Stefan Plesser, Gruppenleiter für Energie- und Qualitätsmanagement am IGS.

Durch die bereits erfolgte Fertigstellung des Energiebunkers und des Energiebergs in Hamburg-Georgs Werder sowie des geplanten Einsatzes von Tiefen- Geothermie im Jahr 2015 können bereits über 50% der Gebäude auf den Elbinseln mit Strom und jedes siebte Gebäude mit Wärme aus Erneuerbaren Energien oder Kraft- Wärme-Kopplung versorgt werden. Bis 2030 soll das für alle Wohngebäude der Elbinseln in Bezug auf deren Stromversorgung und bis 2050 in Bezug auf die jeweilige Wärmeversorgung gelingen.

Schwimmend andocken am Klimaschutz

Alle Projekte der Internationalen Bauausstellung in Hamburg können auch in Miniaturform im so genannten IBA Dock im Müggenburger Zollhafen besichtigt werden. Das wichtigste jedoch: Das IBA Dock selbst fungiert als Exponat. Der 50 Meter lange und 26 Meter breite Beton-Ponton schwimmt. Befestigt ist das Ausstellungsgebäude an drei großen Pfählen (Dalben), die in den Boden des Hafenbeckens gerammt sind. So bleibt das Dock da, wo es sein soll, kann sich aber mit der Tide auf und ab bewegen. Zudem zeigt es, wie sparsame Energieversorgung geht. Das schwimmende Dock nutzt Sonne und Wasser zur Energiegewinnung: Es wird durch eine Sole/Wasser-Elektro-Wärmepumpe beheizt. Der Wärmetauscher entnimmt dem Hafenwasser in der Elbe die Wärme. Zudem wird Energie von Sonnenkollektoren auf dem Dach geliefert.

 

 

 

 

 

 

 

Das IBA Dock im Hafen von Hamburg

Schwimmende Behausungen gibt es in Hamburg derzeit rund 80 Stück. Besser bekannt als Hausboote. Unter anderem im Hinblick auf den steigenden Wasserpegel hat der Hamburger Senat 2006 den Plan ‚Schwimmende Häuser’ beschlossen. Also alles, was schwimmt, wird nun nach Wasserrecht und nicht mehr nach Baurecht beurteilt. Das vereinfacht es Architekten und Bauherren neue Konzepte für die schwimmenden Wohnräume zu entwickeln. Erst vor kurzem sind auf dem Eilbeckkanal, einem idyllischen Seitenarm der Alster, zehn Hausboote bezogen worden. Es ist das Pilotprojekt in Zusammenarbeit mit dem Hamburger Bezirksamt Nord, das in den nächsten Jahren noch weitere Känale und Wasserstraßen einschließen soll. Auch im Hochwasserbassin hinterm Heidenkampsweg wird auf dem Wasser geplant, die so genannten Floating Homes.

Von Seestädten und Reihenhaussiedlungen im Wasser

In Amsterdam werden Reihenhäuser bereits mit dem Schlepper an den nächsten Vorgarten gedockt. Jahrhundertelang haben die Niederländer viel Geld ausgegeben, um das Wasser mithilfe von Windmühlen, Pumpen und Deichen fern von den Häusern zu halten. Ein Kraftakt, immerhin liegt ein Drittel des Landes auf und unter dem Meeressspiegel. Mit dem Klimawandel kommt das Umdenken. Die neue Strategie lautet nun ‚einfach die Stadt fluten’. Im neuen Stadtteil IJburg im Osten von Amsterdam entsteht derzeit die bislang größte schwimmende Stadt der Welt. Waterbuurt, so der Name der Wasserstadt wirkt mit etwa 75 Häusern, Villen und Mietshäuser, in denen rund 1000 Menschen leben können, wie eine Art futuristische Reihenhaussiedlung auf dem Meer. Mit den so genannten Aquahäusern wollen die Wasserstadtplaner zeigen, dass nicht nur Hausboote, sondern auch dreistöckige Häuser schwimmen können. 18 Meter sind die Mehrfamilienhäuser hoch und 8 Meter breit, dafür können sie auch dem stärksten Sturm trotzen. Ihr schwimmendes Fundament besteht aus Styropor, das mit einem Spezialbeton umhüllt wird. Die ganze Siedlung bewegt sich also mit dem sinkenden oder steigenden Wasserpegel auf und ab. Zudem wurde auch das Energiekonzept im Hinblick auf die Umwelt angepasst.

 

 

 

 

 

 

Die Floating Houses in Amsterdam

„Unsere Floating Houses sind so konzipiert, dass sie 15 Prozent weniger Energie benötigen als normale Siedlungen“, erklärt Marion Sprenkeler, Öffentlichkeitsbeauftragte der ABC Akenbouw, das Bauunternehmen, das die schwimmenden Häuser in Amsterdam aber auch in der Nähe von Utrecht konzipiert. Die Wärmeversorgung von Waterbuurt erfolgt durch Gas, das durch Leitungen unter den Aluminium Stegen zwischen den Wohneinheiten zu den Häusern gelangt. Und auch gekocht wird mit Gas. Da die Wärmeleitungen aufgrund einer dicken Isolationsschicht nicht genug Platz hatten unter den Stegen, erhalten die Häuser der schwimmenden Stadt ihre Wärme über Gas, das in kleineren gesonderten Kraftwerken, den Diemen 33 von DHV Power stations, erzeugt wird. Alle anderen Bewohner von Jiburg heizen und kochen elektrisch. Die Steg-Panele sind austauschbar und leicht zu öffnen, für den Fall, dass Reparaturen nötig sind. Dort verlaufen auch die Leitungen für Trinkwasser, Abwasser als auch alle Kabel für Internet, TV und Telefon und Elektrizität.

In London denkt das auf Nachhaltigkeit und Klimawandel spezialisierte Unternehmen River Cycleway Consortium derweil über eine bewegliche Fahrbahn nach. ‚Thames Deckway’ heißt die schwimmende Straße für Fahrradfahrer und Fußgänger. Über zwölf Kilometer soll sich der Steg auf der Themse erstrecken und damit den Londoner Verkehr entlasten. Straßen-Überschwemmungen, die in der Regen geprüften englischen Hauptstadt an der Tagesordnung sind, wird es auf dem schwimmenden Fahrradweg nicht geben, weil er sich mit den Gezeiten auf und ab bewegt.

 

 

 

 

 

 

Thames Deckway, der schwimmende Fahrradweg in London

Auch in der schwedischen Hauptstadt entstehen spannende architektonische und energieeffiziente Städtebaukonzepte zum Leben und Wohnen auf dem Wasser. Eines davon ist die Stockholmer Seestadt Hammarby. Die ersten Entwürfe zu einem der größten Stadtentwicklungsprojekte der nordischen Länder wurden schon in den 1990er Jahren entwickelt. Architekt und Stadtplaner Jan Inghe-Hagström definierte unter anderem folgende Ziele für seine umweltfreundliche Seestadt, die in einem alten Hafen-Industriegebiet entstand: die Zurückgewinnung von Lebensraum, Häuser aus umweltfreundlichen Baustoffen und einen optimalen Energieverbrauch. Letzteres wird etwa durch eine intelligente Müllentsorgung und –Verarbeitung gewährleistet: Der Müll wird nach der getrennten Entsorgung durch die Bewohner durch unterirdische ‚Leitungen’ gesogen und zur Sammelstelle geschickt. Zwei nahe Kraftwerke verbrennen den Abfall zu Energie und Fernwärme. Der Biomüll wird zu Treibstoff. Die Kläranlage, die eigens für die Seestadt gebaut wurde, wandelt die Abwasserreste in Düngemittel und Biogas um. Mit dem Gas werden etwa tausende Gasherde in den Wohnungen versorgt. Das selbstversorgende Energie-System der Wasserstadt sorgt dafür, dass die Bewohner die Hälfte ihrer benötigten Energie selbst erzeugen. „Im Hinblick darauf was man auf lokalem Level zur effizienten Nutzung erneuerbarer Energien beitragen kann ist Hammerby ein unglaubliches Beispiel. Es ist beeindruckend“, sagt der amerikanische Nachhaltigkeitsforscher Joan Fotzgerald, Autor des Buches ‚Emerald Cities’ (Grüne Städte – urbane Nachhaltigkeit und ökologische Entwicklung). „Die Leute trennen ihren Müll, sie managen ihre Energieversorgung, sie sind integriert und fühlen sich als Teil des ganzen. Ein Konzept, das sich auf den Zusammenhalt der Stadt auswirkt, die Bewohner sind stolz darauf.“ 2017 wird die schwedische Umweltstadt im Wasser nach zwanzig Jahren Planungs- und Bauzeit komplett fertig gestellt sein. Die Stadt ist mit 11.000 Wohneinheiten bezugsfertig für 25.000 Menschen, zudem sind etwa 10.000 Arbeitsplätze geplant. In den letzten Jahren sind bereits erste Familien und Single-Bewohner eingezogen, vor ein paar Monaten haben die ersten Cafés und Restaurants eröffnet.

 

 

 

 

 

Die schwimmende Seestadt Hammarby in Schweden

Ein kleineres aber nicht unspannenderes schwedisches Modell zur Idee ‚Leben mit dem Wasser’ schwimmt derzeit außerhalb von Stockholm, auf dem malerischen Mälaren See in Västeras: Das kleine Unterwasserhotel ‚Utter Inn’, übersetzt ‚Hotel Otter’. Der Schlafraum mit zwei Einzelbetten liegt drei Meter unter der Wasseroberfläche. Entwickelt wurde das Mini-Unterwasser-Hotel von dem schwedischen Erlebniskünstler Mikael Genberg. Vielleicht ist das eine Vision für das Wohnen in der Zukunft. Ob solche Visionen wirklich bald real benötigt werden, hängt jedoch einzig von unserem Verhalten ab, sagt Mojib Latif. „Wir sollten unsere Energiegewinnung umstellen, und das am besten so schnell wie möglich bis zu Jahr 2050 – so wie das die Energiewende vorsieht.“ Letztlich sei es eine Frage der Vernunft, auf die sauberen Energien zu setzen und damit auch den Klimawandel zu stoppen, so der Klimaexperte. „Ich bin aber nach wie vor hoffnungsvoll, dass uns das gelingen wird.“

 

 

 

 

 

 

 

Das Unterwasserhotel Unter Inn

 

Dieser Text ist erschienen im Gaswinner Magazin der Wingas, Ausgabe 2/2015

 

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