11914987_1086284598070920_789367445_n
0
Am Gipfel angekommen

Interview mit Kjetil Thorsen und Astrid Van Veen von Snøhetta im April 2015 in Oslo, erschienen im Juni 2015 im SCHAUFENSTER, Magazin der österreichischen Tageszeitung #die Presse’

Snøhetta heißt Schneekrone und ist einer der höchsten Berge Norwegens. Es ist auch der Name des erfolgreichsten norwegischen Architekturbüros. Eine oft gehörte Erklärung für diese Namensgebung ist, dass sich die Architekten von Snøhetta gerne von der Natur inspirieren lassen und darauf bedacht sind, dass sich ihre Entwürfe in Landschaften einfügen, genau so wie der Berg im Land. Die wahre Geschichte ist bodenständiger: Das erste Büro von Snøhetta in Oslo lag über einer Bierkneipe mit dem Namen Dovregubben, wo man sich gerne nach der Arbeit traf. Dovregubben ist der Name eines mächtigen Trolls, der, nach einem Gedicht von Peer Gynt, auf dem Berg Snøhetta lebt.

Oper im Hafen von Oslo 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Büro wurde 1989 von dem Norweger Kjetil Thorsen zusammen mit dem Amerikaner Craig Dykers und sechs weiteren Architekten gegründet. Schnell machte man sich einen Namen als Querdenker der Architektur. Der internationale Türöffner war 2008 die Oper in Olso, die sich aus schneeweißem Marmor und Granit sanft aus dem Hafenbecken erhebt, mittendrin ein gläserner Kubus, der an einen Eisberg erinnert. Derzeit sind zwei Projekte, die 2016 für internationales Aufsehen werden, im Entstehen. Das King Abdulaziz Centre for Wolrd Culture in der Wüste von Saudi Arabien, das auf 100.000 Quadratmetern ein Museum, eine Bibilothek und viele weitere kulturelle Einrichtungen beherbergen wird, sowie die Kunstschule in Bergen. Geplant werden diese im neuen Büro von Snøhetta, eine ehemalige Schiffslagerhalle direkt am Wasser mit Blick auf den Fjord, zehn Gehminuten von der Oper entfernt. Snøhetta ist nicht nur ein Architekturbüro, sondern auch ein Studio für Grafikdesign und Landschaftsarchitektur. Mittlerweile gibt es hundert Mitarbeiter in Oslo und 180 weltweit. Jeden Tag um 12 Uhr kommen die Kreativen zusammen, um gemeinsam zu Mittag zu essen.

Wir aßen mit und führten dabei ein Gespräch mit Kjetil Thorsen und der seit 2001 im Büro tätigen Architektin Astrid Van Veen über norwegische und österreichische Architektur und warum es von Vorteil ist, wenn Frauen und Männer zusammenarbeiten.

 Büro am Hafen

 

 

 

 

 

 

 

 

INTERVIEW

Herr Thorsen, Sie haben an der Technischen Universität in Graz Architektur studiert. Hat Sie die Lehrzeit in Österreich beinflusst?  

Kjetil Thorsen: Das Studium in Graz gab mir eine architektonische Basis, von der ich noch heute profitiere. Das Leben dort aber auch die österreichische Literatur, die Architektur und die Kunst haben mich als jungen Studenten sehr beeindruckt und in einer Form auch von konservativen Sichtweisen befreit. Ich studerte aber auch in einer spannenden Zeit, die von der gedanklichen Freiheit der 1968er Generation geprägt war. Wir hatten Dozenten wie Coop Himmelblau oder Günther Domenig, die uns beigebrachten gestalterische Grenzen zu hinterfragen und zu überschreiten. Diese österreichischen Kreativen hatten einen großen Einfluss auf mich. Der ‚Zeichensaal 3’ war auch die Vorlage für das heutige Büro von Snøhetta.

Wie würden Sie die Architektur heute in Österreich beschreiben?

Kjetil Thorsen: Die österreichische Architektur ist entweder radikal oder konservativ, da herrscht eine große Diskrepanz. Als einzige Gemeinsamkeit könnte man vielleicht den Willen zum Experimentieren nennen. Sonst gibt es gibt keinen allgemein gültigen Ansatz so wie etwa bei nordischem Design. Es gibt einzelne Büros oder Schulen, wie etwa die ‚Grazer Schule’, die sich hervortun und einen bestimmten Stil prägen.

Norwegen und Österreich haben beide landschafttechnisch einige Gemeinsamkeiten, viel Schnee und hohe Berge. Gibt es das auch in der Architektur?

Kjetil Thorsen: Die Natur beeinflusst die Bauwerke in Österreich ebenso wie bei uns. Das sieht man an den unterschiedlichen Gebäuden in den einzelnen Regionen. Da gibt es die Holzarchitektur in Tirol oder die lang gestreckte Landschaften- und Weingarten-Architektur in der südlichen Steiermark.

Was sind die Unterschiede zur norwegischen Gestaltung?

Kjetil Thorsen: In Norwegen konzentrieren wir uns vor allem auf gemeinschaftliche Ziele und suchen nach demokratischen Entscheidungen für die Gesellschaft. In Österreich wird eher autonom gebaut. Meiner Ansicht nach wäre eine Kombination beider Arbeitsweisen ideal.

Ein Unterschied, der in Ihrem Büro in Oslo auf den ersten Blick deutlich wird, ist der vergleichsweise hohe Anteil an Frauen, die hier arbeiten.

Astrid Van Veen: Bei uns arbeiten genau so viele Frauen wie Männer. Die Frauen üben auch die gleiche Art von Architektur aus, es gibt etwa fünfzig Prozent Projektleiterinnen. Das ist nicht verwunderlich, denn in den norwegischen Universitäten, auch für Architektur, gibt es mehr Studentinnen als Studenten. Bei Snøhetta herrscht eine sehr gute Arbeitsatmosphäre, nicht nur weil wir jeden Tag gemeinsam Mittagessen. Wir arbeiten teamorientiert, es gibt keine Ellbogenkultur bei uns und keine Kompetenzschwierigkeiten. Ich denke, das kann man auch darauf zurückführen, dass wir ein feministisches Büro sind.

 

 

 

 

 

 

 

 

An der Anordnung der Arbeitstische kann man keine Hierarchie herauslesen.

Astrid Renata Van Veen: Ja, das ist beabsichtigt. Sie würden nicht sagen könne, ob ich oder jemand anderes aus dem Team das Projekt leitet, wir sind eine Einheit, arbeiten uns zu. Die Tische sind gleichmäßig und offen im weiten Raum verteilt, es gibt keine Türen, damit man jeden ganz einfach ansprechen kann, wenn man einmal eine Frage hat. In diesem Büro arbeiten nur hoch qualifizierte Leute, da wäre es sehr einschränkend, wenn man nur einen hat, der den anderen sagt, was zu tun ist. Teamwork ist für uns die beste Garantie, um das ganze vorhandene kreative Potential auszuschöpfen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Gab es schon einmal Kunden die irritiert waren, als hauptsächlich weibliche Projektleiter anreisen?

Astrid Van Veen: Irritiert vielleicht, aber es gab noch nie Probleme deshalb. Noch nicht einmal bei unserem aktuellen Projekt King Abdulaziz Centre for World Culture in Dhahran. Dort sind wir bei der Präsentation mit mehr Teamleaderinnen angereist. Es wurde nur gesagt ‚Naja, jetzt wissen wir wie Euer Land funktioniert’. Unsere Entwürfe, egal ob von Männern oder Frauen, sprechen einfach für sich.

Astrid, Sie leiten derzeit das Projekt der Kunstschule in Bergen, die 2016 eröffnet wird. Wird das die nächste Oper?

Astrid Van Veen: Die Oper in ihrer Bedeutung einzigartig, dennoch setzen wir auch mit diesem öffentlichen Gebäude wieder ein einzigartiges, gestalterisches Statement. Wir haben uns Gedanken darüber gemacht, was Kunststudenten benötigen: Licht und viel Platz. Deshalb gibt es im Inneren der Schule eine bis zu 22 Meter hohe Halle, ein Werkraum, in den das Licht von außen einfällt und in dem man große Kunstprojekte anfertigen und auch mit einem Lastenkran transportieren kann. Es ist ein sehr puristisches, funktionales Gebäude, das an eine große Fabrikhalle erinnert. Gelegen ist es gegenüber der Stadt Bergen an einem See. Da es dort viel regnet, haben die Landschaftsarchitekten um die Schule herum Regenrückhaltebecken geplant, in denen sich das Wasser ansammeln kann. Die Schule ist von viel Wasser, Schilf und kleinen Stegen darüber umgeben. Es werden nur natürliche Materialien in ihrem ursprünglichen Zustand verwendet. Innen viel Holz, das nicht lackiert oder mit extra Farbe versehen wird, außen eine ‚Haut’ aus Alumium, das ebenso wie die anderen Materialien über die Jahre eine natürliche Patina bekommen wird. Viel Platz für kreative Freiheit also.

Kunstschule in Bergen

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch in Bergen ist die Umgebung wieder in das Konzept mit einbezogen. Ist die Natur die wichtigste Inspirationsquelle von Snøhetta?

Kjetil Thorsen: Ja, die Natur in all ihren unterschiedlichen Formen eine großartige Quelle der Inspiration. Wir kopieren aber nicht einfach ihre Formen, sondern nehmen ihre Qualitäten aus dem Kontext heraus und setzen sie in Beziehungen zur Umgebung. Allerdings ist uns auch bewusst, dass Architektur niemals die Natur übertreffen kann. Inspiration sind für uns aber auch die Kunst, die Musik, Wissenschaft, andere Menschen oder auch manchmal ganz einfach Erlebnisse. Wir mögen es aber auch, wenn wir von unseren Kunden vor neue Herausforderungen gestellt werden und ganz neue Dinge entwickeln können.

Bergen als Modell

 

 

 

 

 

 

 

 

Haben Sie dazu ein Beispiel?

Kjetil Thorsen: Am 30 April eröffnet Swarovski in Wattens einen Pavillon im Park als Erweiterung der Kristallwelten, den wir entworfen haben. Dort wird es dann auch einen mehrgeschossigen Spielplatz mit Turm geben, für die Kinder der Besucher. Dieses Projekt ist für uns von großer Bedeutung, denn wir hatten dadurch die Möglichkeit etwas komplett Neues zu schaffen. Wir konnten eine neue Architektur-Typologie für Kinder entwickeln.

Sind weitere Projekte in Österreich geplant?

Kjetil Thorsen: Wir haben vor kurzem ein Snøhetta Büro in Innsbruck eröffnet. Geführt wird es von unserem österreichischen Kollegen Patrick Lüth, der viele Jahre bei uns in Olso im Büro tätig war. Derzeit entwerfen wir im Bereich Architektur aber auch auf dem Gebiet des Grafikdesigns für Zumtobel.

 

Liebeserklärung an die Architektur in Oslo

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mehr Infos zum Architekturbüro und neuen Projekten unter Snøhetta

Kjetil Trædal Thorsen  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Astrid Van Veen

die schroeder
Website
Your Name Email Website


5 × one =