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Je kleiner, desto privater

Einer von vier Texten, erschienen am 9. April als Sonderveröffentlichung in der Zeit zum Thema Immobilien und Anlagen der Zukunft.

Die Immobilie der Zukunft ist das Micro-Apartment. Es enthält nur noch das Notwendigste, denn das eigentliche Leben findet in der Stadt statt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Leben in der Zukunft: Geschlafen wird in der Miniwohnung, gekocht wird gemeinsam im Co-Working Space und entspannt im Wohnzimmer des Memberclubs, wie etwa dem Soho House in Berlin (siehe Aufmacherbild).  

 

Krawatten und Kostüme tragen sie nicht, die Mitglieder des Soho House in Berlin. Es sind vorwiegend Kreative, die hier ein- und ausgehen. Lässig der Look, entspannt die Atmosphäre, Freizeit und Arbeit verschwimmen, genau so ist es vom Konzept her vorgesehen. Member-Clubs dienen nicht mehr nur älteren Herren, die gemütlich ihren Rotwein trinken, sie sind zu den neuen Wohnzimmern junger Großstädter geworden.

Das erste Soho House eröffnete 1995 in London, mittlerweile betreibt die Soho House Group über zehn Mitgliederclubs in Großbritannien, den USA und eines in Berlin. Weitere Memberclubs sind in Planung, auch von anderen Betreibern.

Der Name dieses gesellschaftlichen Phänomens lautet Third Place Living. 1989 kategorisierte der US-amerikanische Soziologe Ray Oldenburg unsere Lebensräume in erste, zweite und dritte Orte. Der erste Ort sei das Zuhause und der zweite der Arbeitsplatz, so die Überlegung damals. Dritte Räume seien jene der Begegnung. Das kann der Stadtraum sein, halböffentliche Plätze wie etwa Bahnhöfe sowie die nicht-öffentlichen Member Clubs oder Co-Working Spaces.

Was früher die privaten vier Wände waren, sind nun gemeinschaftlich genutzte Orte. Seitdem es Laptops gibt werden Arbeitszimmer nach draußen verlagert, dazu immer mehr Funktionen des Alltags ‚outgesourct’. Auch die eigene Küche bleibt bei Großstädtern immer öfter kalt. Nicht etwa weil nur nur noch in Restaurants gegessen, sondern weil zusammen gekocht wird, entweder in Kochstudios oder am Arbeitsplatz. Die Stadt bietet alles, was das Leben benötigt, nur noch geschlafen und gefrühstückt wird Zuhause. Dabei verliert der private Rückzugsort nicht an Relevanz, im Gegenteil, er wird noch privater. Schlafnische, eine kleine Küche, Bad und ein wenig Aufenthaltsraum, das braucht der zeitgenössische Stadtbewohner für sich. Mehr aber auch eben nicht.

„Schon heute gibt es eine große Nachfrage nach kleinen Wohnungen, zukünftig wird diese immens steigen“, sagt Michael Schick, Vizepräsident und Sprecher des deutschen Immobilienverbands IVD. Laut einer Prognose des statistischen Bundesamtes werden bis 2030 gut 43 Prozent aller Haushalte nur von einer Person bewohnt. „In der deutschen Hauptstadt ist das bereits der Fall“, sagt Schick. „Berlin ist dem Trend ein Stück voraus. Es ist die Stadt der Singles, über 50 Prozent der Bevölkerung leben in Einpersonenhaushalten.“

Miniwohnungen seien daher immer begehrter, so der Immobilienexperte. Im Idealfall sind diese zwischen 20 und 40 Quadratmeter groß und der Grundriss ist gut durchdacht. Ein wichtiges Kriterium des Micro-Apartments: Es befindet sich in Top-Lage. Das muss nicht immer das Zentrum sein, es kann auch eine angesagte Gegend, in der erste Galerien und Szene-Cafés eröffnet wurden, sein. „Solche Wohnungen gibt es bereits zu genüge in Metropolen wie New York, London oder Tokio, sie werden sich aber auch in deutschen Großstädten immer mehr durchsetzen“, erklärt Schick.

Doch nicht nur für junge Singles sind die kleinen Wohnungen geeignet. „Der Single der Zukunft ist weiblich und über siebzig Jahre alt“, sagt der IVB Sprecher. Damit sind vor allem Witwen gemeint. Die Wohnungen für alleinstehende Senioren sollten im Erdgeschoss eines Hauses und in der Nähe von Supermärkten, Apotheken oder Arztzentren sowie öffentlichen Verkehrsmitteln liegen.

Eine weitere Gruppe, die an kleinen Wohnungen in der Stadt interessiert ist, ist jene der Pendler. Viele leben mit ihrer Familie auf dem Land oder in einer anderen Stadt, müssen wegen des Jobs jedoch mehrere Tage im Büro vor Ort sein. Ein zentral gelegenes Micro-Apartment für ein paar Übernachtungen in der Woche ist als Unterkunft perfekt geeignet.

Für Kapitalanleger ist die Miniwohnung sehr interessant. Nicht nur weil der Standort Stadt aus demografischer Sicht ein sicherer Wanderungsgewinner ist, sondern die Investition in eine kleinere Wohnung nicht so hoch ist wie die für ein Penthouse oder ein Loft.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist auch, dass Micro-Apartments künftig eine gute Rendite abwerfen werden. Zudem kann durch eine Möblierung des Mietobjektes ein noch höherer Quadratmeterpreis zugrunde gelegt werden.

„Das ist derzeit zwar noch ein Nischenmarkt, der vor allem Pendler und Studenten anspricht, allerdings nicht unbedingt erforderlich weil sich ja fast jeder dank Ikea & Co günstige Möbel leisten kann“, so Schick. Ein Bett, eine Kochnische, ein mobiles Schranksystem, mehr braucht es nicht. Die restliche Zeit verbringt der Mieter sowieso im dritten Lebensraum, der Stadt.

 

 

die schroeder
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