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Godfather of Design

Dieter Rams – der große Aufräumer

Der deutsche Industriedesigner hatte schon in den Fifties nur einen Wunsch: Mit seinen reduzierten Entwürfen die Welt aufzuräumen

 Wer heute einen iPod in der Hand hält, weiß wahrscheinlich nicht, dass Dieter Rams’ Transistorradio Braun T3 aus dem Jahr 1958 für dessen Design Pate stand. Denn Apple-Chefdesigner Jonathan Ive ist ein wahrer Rams-Fan, und zwar seit Kindertagen. Was sich Dieter Rams seit den fünfziger Jahren gestalterisch einfallen ließ, während er „Leiter der Formgebung“ für Braun war, hat bis heute nicht an Schönheit eingebüßt – vielleicht, weil sein Credo immer lautete: So wenig Design wie möglich. Dieser Ansatz führte zu Produkten und Möbeln von solcher ästhetischer Größe, dass man sie bis heute bewundert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieter Rams hat mit seinen HiFi-Anlagen, Möbelentwürfen und Küchengeräten den Geschmack und das Stilempfinden einer ganzen Generation geprägt. Dabei wollte er vor allem eins: einmal gründlich aufräumen.

Geboren wurde der deutsche Industriedesigner 1932 in Wiesbaden, 1953 schloss er sein Studium der Architektur und Innenarchitektur in der Heimatstadt ab. Obwohl er immer davon geträumt hatte Architekt zu werden, unterbrach er das Studium für eine Tischlerausbildung und schuf damit die Grundlage für seine elaborierten Möbelentwürfe, die ab Ende der fünfziger Jahre für die Firma Vitsœ, gegründet von dem in Deutschland lebenden Dänen Niels Vitsœ, entstanden.

 

 

 

 

 

 

 

 

Doch fangen wir am Anfang an: Den größten Teil seiner Schaffenskraft widmete Rams dem klassischen Produktdesign. Von 1955 bis 1995 war er für den Elektrogeräte-Hersteller Braun tätig. In diesen vierzig Jahren entwarf er vom Rasierapparat bis hin zum Wasserkocher alles, was man an eine Steckdose anschließen konnte. Einer seiner ersten Entwürfe für Braun (gemeinsam mit Hans Gugelot) gilt noch heute als ein Meisterwerk des Produktdesigns: Der „Schneewittchensarg“ aus dem Jahr 1956, oder offiziell: die „Radio-Plattenspieler-Kombination SK4“ aus weiß lackiertem Blech mit Wangen aus hellem Holz und einer Abdeckhaube aus Acrylglas.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einzigartig war dieses Gerät nicht nur aus technischer Sicht (bis dato hatte es noch keine derartigen Musik-Kombigeräte gegeben), sondern auch wegen seiner radikal reduzierten Formensprache. Rams wollte die „undurchschaubare Verwirrung von Formen, Farben und Geräuschen“ in der Welt beseitigen. Diesen Anspruch setzte er in all seinen Entwürfen um. Anregungen dazu fand er in der japanischen Architektur mit ihrer schnörkellosen Klarheit.

Mitte der siebziger Jahre begann Rams, seine Gedanken zu gutem Design auszuformulieren. Er entwickelte die mittlerweile in Fachkreisen als „zehn Gebote“ bezeichneten Thesen zu gutem Design.

Die zehn Thesen hielt er zur Orientierung für sich selbst – aber auch für andere Designer – wie folgt fest:

1. Gutes Design ist innovativ.
2. Gutes Design macht ein Produkt brauchbar.
3. Gutes Design ist ästhetisch.
4. Gutes Design macht ein Produkt verständlich.
5. Gutes Design ist unaufdringlich.
6. Gutes Design ist ehrlich.
7. Gutes Design ist langlebig.
8. Gutes Design ist konsequent bis ins letzte Detail.
9. Gutes Design ist umweltfreundlich.
10. Gutes Design ist so wenig Design wie möglich.

Sein oberstes Ziel, die Klarheit der Form, setzte er natürlich auch in seinen Möbelentwürfen um. Rams’ Möbel orientieren sich an klassischen geometrischen Formen, sind farblich unauffällig und zweckmäßig. Alles Überflüssige wird weggelassen, denn Möbel sollen dem Besitzer von Nutzen sein, nicht dekorieren.

 

 

 

 

 

 

 

Zu den wohl bekanntesten Möbelstücken gehören das „Regalsystem 606“, der „Beistelltisch 621“ und das „Sesselprogramm 620“ (selbst den Namen merkt man eine gewisse Vorliebe für Effizienz an).

Zum Möbeldesigner wurde Rams eher zufällig, als nämlich der Geschäftsführer von Braun ein Regal passend zu den von Rams gestalteten Audiogeräten haben wollte und
Nils Vitsœ beim Anblick der Entwürfe sagte: „Ich kann dir das auch bauen.“ So entstand zuerst das Regalsystem und danach, in den system-verliebten sechziger Jahren der Sessel, das Couchsystem und der Beistelltisch.

 

 

 

 

 

 

 

Das „Regalsystem 606“ aus dem Jahr 1960 ist ein Musterbeispiel für zeitlose Aufbewahrungsmöbel. Der Klassiker lässt sich durch verschiedene Module, die man je nach Belieben zusammenstellen kann, an jeden Wohnraum anpassen. Es wird getragen von Aluminium-Profilen, die direkt mit der Wand verschraubt werden, die Böden hängt man dann einfach ein.

1962 entwickelte Rams für Vitsœ einen Sessel, besser gesagt ein Programm an Sesseln. Auch hier war der Leitgedanke die Benutzbarkeit. Entweder als Einzelstück im Raum oder als Sofalandschaft. Einfach die Armlehne abnehmen, ein, zwei oder drei weitere Sitzmodule anfügen, zusammenschrauben, und fertig ist die individuelle Sitzreihe. Es gibt sogar Drehscheiben und Rollen für die einzelnen Stücke.

Seit dem 1. Januar 2013 hat Vitsœ die weltweite Exklusivlizenz für die Herstellung aller Rams Original-Möbelentwürfe, eine Entscheidung die von Rams selbst ausging.
Rams’ reduzierte Formsprache lässt sich besonders schön an dem 1962 entworfenen Beistelltisch 621 ablesen; der just 2014 neu aufgelegt wurde. Durch sein schlichtes Design und die Farbgebung (nur in Grauweiß und Schwarz erhältlich) lässt er sich in allen Wohnbereichen einsetzen. Ob als Nacht- oder Beistelltisch – immer gern gesehen in seiner Unauffälligkeit.

Der Tisch ist in zwei Höhen erhältlich: 45 oder 36 Zentimeter, die höhere Variante lässt sich mittig über das Sofa schieben (voriges Bild), wodurch eine praktische Ablagefläche entsteht, wie man sie sonst nur vom Flugzeug gewöhnt ist. Apropos praktisch: Die Füße sind nun endlich höhenverstellbar, und in die Vertiefung passt, sinnigerweise: Ein Macbook.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rams Entwürfe stehen auch im Kanzleramt in Berlin, im Museum of Modern Art in New York oder auch im Museum für Angewandte Kunst Frankfurt, wo man mittlerweile eine Dauerausstellung eingerichtet hat. Rams ist heute 82 Jahre alt und lebt in Kronberg im Taunus. Das Haus des Verdienstkreuz-Trägers ist mit seinen Entwürfen eingerichtet. Vielleicht sitzt er just in diesem Moment mit runder Brille und weißem, gescheiteltem Haar auf seinem Sessel 620?

 

 

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