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Graftwerk

Popstars oder Weltverbesserer? Graft Architekten sind beides. Dass sie mit Brad Pitt befreundet und derzeit gern gesehene Gäste auf dem Roten Teppich sind, ist für sie kein Nachteil. Ganz im Gegenteil. Aufmerksamkeit ist hilfreich, wenn man die Welt positiv verändern will. Von Solarkiosken in Afrika, Elektromobilität frei Haus und sozialem Wohnbau mit Design-Aspekt. Ein Interview mit Thomas Willemeit, Lars Krückeberg und Wolfram Putz

*erschienen am 23. Februar 2014 im Schaufenster, die Presse / Österreich

 

Herr Willemeit, Sie und Ihre Partner Wolfram Putz und Lars Krückeberg werden derzeit als Popstars der Architektur  gefeiert. Wie lebt es sich so als Promi?

Thomas Willemeit: Diese Aufmerksamkeit erhalten wir ja wegen unserer Arbeit, daher empfinden wir den Hype als Kompliment und wir freuen uns über die positive Wahrnehmung in der Öffentlichkeit.

Welches Publikum ist Ihnen das wichtigste – die Experten oder die Medien?

Lars Krückeberg: Keiner von beiden, es sind die Nutzer. Also jene Menschen, die dann am Ende in einem von uns entworfenen Gebäude leben. Preise von Fachjurys oder Experten sind uns natürlich auch wichtig und wir freuen uns auch sehr über das tolle Ansehen, das wir in der breiten Öffentlichkeit genießen. Doch die Anerkennung der Menschen, die täglich mit unseren Entwürfen leben, ist uns am wichtigsten.

Die Freundschaft und Zusammenarbeit mit Brad Pitt, der sich sehr für nachhaltigen und sozialen Wohnbau engagiert, hat Ihnen viel Aufmerksamkeit eingebracht. Eine Gratwanderung zwischen Lifestyle und sozialer Verantwortung, steht das eine dem anderen nicht  im Weg?

Wolfram Putz: Wir glauben, dass beides gut zusammen geht. Um die Gesellschaft auf einen verantwortungsvollen Weg zu bringen und sie von einem bewussten Umgang mit den Ressourcen zu überzeugen, kann man nicht nur theoretische Schriften hinaustragen. Ein Hollywoodstar wie Brad Pitt ist für viele Vorbild, also warum sollte er nicht auf eine interessante und spannende Art und Weise Inhalte vermitteln. Dabei können wir eine Portion Emotionalität gut gebrauchen.

Und die Theorie sieht wie aus?

Thomas Willemeit: Es gibt für uns ein weites Feld von wichtigen Themen, von Energiebilanz bis zur Verwendung nachwachsender Baustoffe. Aber wir wollen auch Details und spezielle Themen verbessern, also aufbauen auf der Welt wie sie jetzt ist. Als Architekten und Entwickler von Gebäuden können wir dabei auf Dinge wie Feinstaub- oder Co2-Belastung achten, auf giftige Klebstoffe und Farben oder auf Umwelt belastende Baustoffe verzichten und vor allem auch die Menge der eingesetzten Materialien reduzieren. Nachhaltig Bauen, im Hinblick auf die Natur aber auch im Hinblick auf die unmittelbare Gesundheit der späteren Bewohner.

Nur weil sich ein Hollywoodstar für nachhaltige und klimaneutrale Bauweise ausspricht, werden deshalb wirklich bessere Häuser gebaut?

Lars Krückeberg: Ein gutes Beispiel dazu ist das von Brad ins Leben gerufene Make-It-Right-Programm zum Wiederaufbau des 2005 vom Hurrikan Katrina zerstörten Wohngebiets in New Orleans. Dieses Low-Budget-Häuser-Projekt ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Aus der Entwicklung, die zum Teil zu einer Forschungsarbeit avancierte, konnten viele wichtige Erkenntnisse zum Thema kostengünstiges Bauen gewonnen werden. Durch genaue Studien wurde etwa die Anzahl der verarbeiteten Nägel auf dreißig Prozent der herkömmlichen Menge gesenkt, usw. Diese Erkenntnisse wurden bereits zum Vorbild vieler ähnlicher Bauten. Also ja, es werden bessere Häuser gebaut.

Ist die Kreativität nicht eingeschränkt, sobald man auf umweltspezifische Faktoren Rücksicht nehmen muss?

Wolfram Putz: Mit unserem Entwurf der Make-It-Right-Häuser wollten wir eben auch genau dies beweisen. Dass energieeffiziente Lebensführung und nachhaltiges Design auch zu einem geringen Preis möglich sind. Günstige Bauweise muss keine Gestaltung aus der Retorte nach sich ziehen.

Nachhaltigkeit liegt im Trend. Sind Sie deswegen mit ihren Projekten so erfolgreich?

Thomas Willemeit: Warum das erst jetzt ein Trend ist, verstehen wir nicht. Wir wollen die Welt zum besseren verändern, das ist keine Floskel, sondern ein innerer Antrieb von Anbeginn an. Ganz einfach auch ein egoistischer, weil wir einmal stolz sein möchten auf das, was wir erschaffen. Unsere Entwürfe sollen zu einer verbesserten Lebensqualität, zu Gesundheit und einer besseren Umwelt beitragen. Wenn diese Aspekte gerade im Trend liegen, dann ist das schön. Aber ich frage mich auch, warum es dann nach wie vor so wenige gute nachhaltige Konzepte gibt. Die Menschen scheinen darauf zu warten, das merken wir, weil alles, was wir tun zum Thema Nachhaltigkeit entwerfen, uns sprichwörtlich aus den Händen gerissen wird. Die Nachfrage ist also da, was fehlt ist das Angebot.

Graft baut auch vermehrt in Afrika: Ein Kinderkrankenhaus in Äthiopien, ein ‚Low Cost Housing’ Projekt in Namibia und Solarkioske in Kenia und Tansania.

Lars Krückeberg: Es gibt einfach viel zu tun auf diesem Kontinent. Der Solarkiosk, ein autarker Kiosk mit Solarzellenenergie, ist auch für uns ein ganz besonders spannendes Projekt. Bisher haben wir uns immer auf singuläre Bauten konzentriert, mit dem Kiosk produzieren wir nun eine Produktserie und können dadurch eine noch bessere und breitere Wirkung erzielen.

Welche Wirkung ist das?

Wolfram Putz: Kioske in Afrika sind soziale Treffpunkte. Unsere Solarkioske werden außerhalb der Städte aufgestellt und liefern Energie. Ein großes Problem in Afrika ist das Aufladen der Handys. Oft werden einfach Stromleitungen angezapft, was mitunter sehr gefährlich sein kann. An den Solarkiosken kann man Handys aufladen, verderbliche Waren oder Medikamente in einem Kühlschrank lagern, gemeinsam Musik hören, durch WLAN Kontakt zur Außenwelt aufnehmen und durch das Licht wird es zudem auch sicherer nachts. Es werden auch kleine Solar-Laternen für Zuhause zur Miete angeboten. Dadurch wird verhindert, dass die Menschen Kerosin oder Holz verbrennen, um nachts Licht in den Dörfern zu haben, was nicht nur umweltschädlich ist, sondern auch bereits viele Todesopfer zur Folge hatte. Das Anzapfen der Sonne bringt den Afrikanern auch Unabhängigkeit von anderen Energieformen und damit von anderen Staaten.

Wie viele Solarkioske gibt es?

Thomas Willemeit: Ende 2012 waren es fünf in Kenia und sieben in Äthiopien. Es haben sich schon weitere Unternehmen an der Idee beteiligt, gerade entstehen 25 weitere Kioske. Ende 2014 werden etwa 40 Kioske stehen aber das soll nur der Anfang sein.

Muss man in die Ferne schweifen, um die Welt zu verbessern?

Lars Krückeberg: Nein, ganz und gar nicht. Gerade wird ein sehr spannendes Projekt vor unserer Haustüre fertig gestellt. Die Häuser am Wannsee. Ganz in der Nähe von Berlin wurden drei von uns entworfene Holzhäuser in PlusEnergie-Bauweise errichtet. Das Besondere daran ist, dass der Bauherr für jedes der Häuser ein eigenes Elektroauto finanziert, das mit dem vom Haus selbsterzeugten Strom angetrieben wird. Mobilität Freihaus, sozusagen.

Arbeitet Graft mit sich selbst und den Angestellten auch sozial verantwortungsvoll?

Wolfram Putz: Nun ja, die Work-Life-Balance von uns Partnern ist auf jeden Fall ausbaufähig. Aber wir achten sehr darauf, dass wir die Ressourcen unserer Mitarbeiter schonen. Wochenendarbeit etwa auf ein nötiges Minimum zu reduzieren, in unserem Beruf nicht immer leicht. Insgesamt scheint man aber gerne bei uns zu arbeiten. Das Graft Team ist jung, 50 Prozent Frauen, 50 Prozent Männer und einmal international durchgemischt. Ein bisschen wie ein internationales Piratenschiff.

 

Solarkioske: solarkiosk.eu

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

INFOS:
Graft Architekten: graftlab.com
Make It Right Programm in den USA: makeitright.org

Häuser am Wannsee unter: klimaschutzpartner-berlin.de

 

die schroeder
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