Häuser am Wannsee - Häuser der Zukunft
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Mobilität Freihaus

Die ‚Häuser am Wannsee’ der Berliner Stararchitekten Graft demonstrieren, wie sich Energiesparen und Mobilität sinnvoll kombinieren lassen. Neben diesem Paradebeispiel für ganzheitliches Leben zeigen wir weitere energiesparende Techniktrends und erklären, wie der Staat umweltfreundliche Baukonzepte fördert.

 

Artikel erschienen in der ZEIT am 20.11.2014

Nachhaltigkeit ist in den vergangenen Jahren zu einem Trendwort avanciert. „Gut so“, sagt Thomas Willemeit vom Architekturbüro Graft, das Filialen in Berlin, Los Angeles und Peking unterhält. „Allerdings verstehe ich nicht, warum das nicht schon viel früher geschehen ist.“ Willemeit und seine Mitstreiter Lars Krückeberg und Wolfram Putz sind mit Brad Pitt befreundet und gelten schon seit Jahren als Popstars der Architektur. Gefeiert werden sie vor allem für ihre nachhaltigen Architekturkonzepte, die sie bereits weltweit unter Beweis gestellt haben.

Eines dieser Vorhaben war das von Hollywoodstar Pitt ins Leben gerufene Make-It-Right-Programm zum Wiederaufbau des 2005 vom Hurrikan Katrina zerstörten Wohngebietes in New Orleans. Aus der Entwicklung dieses Low-Budget-Projektes konnten die Architekten viele neue und wichtige Erkenntnisse zum Thema nachhaltiges und kostengünstiges Bauen gewinnen. „So haben wir zum Beispiel festgestellt, dass sich die Anzahl der in einem Haus verarbeiteten Nägel problemlos auf dreißig Prozent der herkömmlichen Menge senken lässt“, erklärt Krückeberg. Vor allem aber zeigen die Make-it-Right-Häuser, dass eine energieeffiziente Lebensführung, nachhaltiges Bauen und hochwertiges Design auch zu einem geringen Preis möglich sind. So ist es nicht verwunderlich, dass die Häuser in New Orleans zu einem Vorbild für viele Bauten weltweit – und auch in Deutschland – wurden.

„Unsere Entwürfe sollen zu einer besseren Lebensqualität und Gesundheit beitragen und die Umwelt schonen. Wenn diese Aspekte gerade im Trend liegen, dann freut uns das“, sagt Wolfram Putz. „Bauherren wie Bewohner scheinen jedoch auf noch mehr umweltfreundliche Konzepte zu warten. Das bemerken wir, weil uns alles, was wir zum Thema Nachhaltigkeit entwerfen, derzeit sprichwörtlich aus den Händen gerissen wird.“

 

 

So wie auch jene zukunftsweisenden Häuser in Berlin: Im September wurden drei von Graft entworfene Holzhäuser in der ehemaligen Don-Bosco-Siedlung fertig gestellt. Der Name des Bauprojektes: „Häuser Am Wannsee – Holistic Living“, zu Deutsch: ganzheitliches Wohnen. Die Gebäude sind so genannte
Plusenergiehäuser – sie produzieren mehr Energie als ihre Bewohner verbrauchen und dies zu hundert Prozent regenerativ und emissionsfrei. Damit übertreffen sie bei weitem die Standards von Niedrigenergie-, Passiv- und Nullenergiehäusern. Die Architekten legten bei den beiden Doppelhaushälften und dem Einfamilienhaus besonderen Wert auf die Verwendung nachhaltiger und komplett wieder verwertbarer Materialien: Holz, Holzfaserdämmung und Lehmputz.

 

Die elektrische Energie wird durch Photovoltaikanlagen auf dem Dach gewonnen, die Energie für Heizung und Warmwasser stammt von Erdwärmepumpen, die im Sommer auch für die Kühlung der Häuser sorgen. Nebenkosten für Warmwasser und Heizung entfallen damit komplett. Für das Bewässern der großen Gartenflächen wurde eine Grauwasser-Nutzungsanlage, GWNA, installiert. Diese Anlagen gewinnen immer mehr an Bedeutung im nachhaltigen Hausbau. GWNAs erzeugen aus Grauwasser, das ist gebrauchtes aber fäkalienfreies Abwasser, hygienisch sauberes Klarwasser. Eine Familie mit vier Personen kann dadurch bis zu 100.000 Liter pro Jahr an Trinkwasser einsparen und zudem das Abwasser reduzieren.

Neu und außergewöhnlich ist an den drei Häusern im Berliner Südwesten, dass der zusätzlich gewonnene Solarstrom nicht wie bei anderen Plusenergiehäusern einfach an das öffentliche Netz abgegeben wird, sondern dass die Bewohnern ihn für den Betrieb eines Elektroautos nutzen können. Dies hat der Bauherr angeschafft, für die Mieter fallen monatliche Leasingkosten an. Die elektrische Überschussenergie aus der Photovoltaik-Anlage reicht nach Abzug der im Haus verbrauchten Energie für eine Fahrleistung von etwa 7.000 bis 19.500 Kilometer pro Jahr. Jede nicht von den Bewohnern selbst verbrauchte kWh steht demnach kostenfrei zur Verfügung, das Fahren des Autos ist umsonst.

 

Das Haus der Zukunft ist komplett unabhängig vom Gas- oder Stromnetz und fossilen Energieträgern. Das ist nicht nur eine hoffnungsvolle Vision einiger Umweltschützer, sondern auch eine Idee, die politisch gefördert wird. So hat die EU im Jahr 2010 in ihrer Gebäuderichtlinie festgehalten, dass alle Neubauten ab 2021 Niedrigenergiegebäude, also Nullenergiehäuser, sein müssen.

In Deutschland müssen sich Hausbauer oder -käufer bereits heute an entsprechende Richtlinien halten. Daneben gibt es aber auch finanzielle Unterstützung, wenn besonders energiesparende Technologien zum Einsatz kommen.

Neubau, Umbau zu Wohnzwecken, aber auch der Kauf eines besonders energieeffizienten Gebäudes werden etwa durch zinsgünstige Darlehen aus dem Programm „Energieeffizient Bauen“ gefördert.

Gelder dafür gibt es vom Bund aber auch von einzelnen Ländern und den Kommunen. Die wichtigsten Förderprogramme für den nachhaltigen Hausbau sind die des Bundes, getragen von der Kreditanstalt für Wiederaufbau, kurz KfW.
Seit dem 18. August 2011 können Bauherren beim Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) eine besondere Förderung für Plusenergiehäuser beantragen. Allein für die Projekt-Planung, Dokumentation und Auswertung können hier bis zu 70.000 Euro abgerufen werden. Das BMVBS fördert auch den Einsatz regenerativer Energietechnik mit 300 Euro pro Quadratmeter. Solaranlagen, die Warmwasser produzieren und außerdem die Heizung unterstützen, werden vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) gefördert, allerdings nicht mehr bei Neubauvorhaben, sondern nur noch im nachträglichen Einbau von Anlagen im Altbau.

 

die schroeder
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