vandanashiva
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Frieden mit der Erde, jetzt!

DAS RÄDCHEN WEITERDREHEN?
Die indische Umweltaktivistin und Wissenschaftlerin Vandana Shiva fordert einen Paradigmenwechsel: Schließen wir Frieden mit der Erde! Warum das für unsere Zukunft so wichtig ist und wie das funktionieren kann, erklärt sie anhand natürlicher Kreisläufe. 

Dieses Interview habe ich für das Magazin von Sonnentor FREUDE geführt. Hier der Link zum Interview

 

Frau Shiva, Ihr neues Buch trägt den Titel „Jenseits des Wachstums – warum wir mit der Erde Frieden schließen müssen.“ Leben wir denn im Krieg mit der Erde?

VANDANA SHIVA: Ja. Die Menschheit führt einen Krieg gegen die Erde – und das auf vielen verschiedenen Ebenen. Zualler-erst einmal im Geiste. Die dominante Sicht auf die Welt trennt uns von der Natur, wir leben abgespaltet von den natürlichen Dingen. Ich bezeichne diese Situation als „Öko-Apartheid“, die Erde ist für viele Menschen nur ein toter Gegenstand, der einfach ausgebeutet werden kann, und für die Wirtschaft oft nur ein Objekt, ein Gut, das man besitzt und mit dessen Rohstoffen einfach gehandelt werden kann. Leider bestärkt die Wissenschaft mitunter diese Idee, indem sie die Erde auf ein mechanisches System reduziert. Wir üben permanent Gewalt aus auf die Erde, ihre natürlichen Wachstumsprozesse und auf all ihre unterschiedlichen Lebewesen.

Was bedeutet dieser Disput für uns Menschen?

Für die Menschheit bedeutet ein Krieg gegen die Erde dasselbe wie ein Krieg gegen die eigene Spezies – gegen die Bauern und Farmer, gegen Frauen, aber auch gegen die zukünftigen Genera-tionen. Die Rechte der Erde nicht anzuerkennen bedeutet gleichzeitig, auch die Rechte der Menschheit nicht zu tolerieren. Was genau bedeutet es, „Jenseits des Wachstums“ zu leben?Dieses vorher erwähnte ökonomische Denkmuster wird von der derzeit einzigen Maßeinheit für Wachstum, dem GDP, bestärkt. Gross Domestic Product (GDP) ist der auf dem Welt-markt gängige Wert für Güter und Dienstleitungen, die inner-halb eines festgelegten Zeitraumes in einem Land produziert werden. Dieser Wert wird auch oft als Basis für den Lebens-standard in einem Land herangezogen. Und genau hier liegt auch der Denkfehler.

Inwiefern?

Wenn ein Wald wächst, dann wächst er nicht in GDP. Doch wenn dieser abgeholzt wird, dann geht der GDP nach oben. Wenn Kinder gesund und glücklich in ihrer Familie aufwachsen, dann geht der GDP nicht nach oben – dies geschieht erst, wenn die Kinder Gesundheitsprobleme haben und Medikamente und Behandlung benötigen. Der GDP misst nur den Eintausch von Produkten und Hilfsmitteln, nicht aber, ob es der Erde oder der Menschheit gut geht. Wir müssen jenseits des GDP wachsen, um mit der Erde Frieden zu schließen.

Wenn wir die weiße Flagge nun hissen und Frieden mit der Erde schließen wollen, was können wir tun?

Dazu müssen wir zuallererst einmal anerkennen, dass wir ein Teil der Erde sind. Wir dürfen uns nicht von ihr getrennt sehen, sondern müssen verstehen, dass wir Teil des natürlichen Kreis-laufes sind. Wir müssen erkennen, dass die Erde lebendig ist, ebenso wie ihre Produkte – und dass ihre produktive und kreative Funktion das Fundament unseres Daseins, aber auch unserer Technologien und Wirtschaft darstellen. Die Erde hat dieselben Rechte wie wir, daher müssen wir beginnen, gewaltfreie wissen-schaftliche und wirtschaftliche Systeme für die Produktion und den Verbrauch zu entwickeln und einzusetzen. Das bedeutet vor allem aber auch zu erkennen, dass wir weniger Dinge zum Leben brauchen – und nicht im Überfluss lben. Wir sind also alle Teil eines natürlichen Kreislaufs – des Rades des Lebens!

Was bedeutet das im Bezug zur Umwelt?

Ein Rad funktioniert immer im Kreis, das bedeutet auch, dass alles zurückkommt. Diese Weisheit ist auch das Gesetz der Nachhaltigkeit. Mein nächstes Buch „Who really feeds the World“ (noch kein deutscher Titel vorhanden, Anm. der Redaktion) behandelt genau dieses Thema: die Gesetze der Rückkehr oder auch des Umkehrschlusses für ökologische Nachhaltigkeit und Nahrungssicherheit für alle. Im amerikanischen Englisch steht der Begriff „rad“ für jemanden, der besonders extrem – eben radical – agiert.

Würden Sie sich selbst und das, was Sie tun, als radikal bezeichnen?

Radikal bedeutet für mich, bis zum Ursprung zu gehen. Und ich mag es, bis zu den Wurzeln zu gehen. Um etwa zu den Wurzeln der Physik zu gelangen, habe ich die Quantentheorie studiert. Um zu den Wurzeln der Quantenphysik zu gelangen, habe ich Philosophie studiert. Um die falschen Ansprüche von großen Gesellschaften und Unternehmen, die behaupten, sie seien die Erfinder und Besitzer von Samen, aufzudecken, habe ich Navdanya, eine organische Bewegung, die auch Samen aufbewahrt, ins Leben gerufen. Letztlich ziehe ich aber nur mit meinen Worten und Lehren in den Krieg, also ohne dabei Menschen oder die Erde zu verletzen.

Was halten Sie von der europäischen Kultur und deren Umgang mit den Ressourcen der Erde – etwa im Vergleich zur indischen Kultur?

Am Ende zählen wir alle zu derselben Menschheit. Wir mögen unsere Unterschiede haben, wenn es um das Klima, Essen und auch die Kleidung geht – aber wir alle brauchen sichere und gesunde Nahrung. Und diese muss nachhaltig und in einer biologischen Vielfalt und ökologisch produziert sein, für alle Länder gleichermaßen.

Wie wird die Erde in der nahen Zukunft aussehen, wenn wir lernen, Frieden mit ihr zu schließen?

Wenn wir jetzt richtig handeln wollen, müssen wir die Patente für die Samen abschaffen und das Gift von unserem Essen fern halten. Jeder wird dann bald sicheres, gesundes, nahrhaftes Essen auf dem Teller haben. Wir gründen starke lokale Unter-nehmen und echte, gelebte Demokratie in den Nationen, um das Dasein für alle zu verbessern.

Was bereitet Ihnen Freude?

Ich bin glücklich, wenn ich kreative Ideen habe und diese in Aktionen umwandle, die wiederum richtig sind für die Erde und die Menschen. Ich habe Freude daran, die 2.000 verschiedenen Samen zu sehen, die wir auf der Navdanya Farm gerettet haben. Auch an der „Earth University“, die wir dort ins Leben gerufen haben. Ich bin aber auch einfach glücklich, wenn ich meine Lieben um mich habe. Und ich freue mich, wenn andere glücklich sind.

 

Die Aktivistin: Vandana Shiva wurde 1952 in Indien geboren,ist Physikerin und Philosophin und zählt zu den herausragenden Denkerinnen unserer Zeit, wenn es um die Themen Umwelt, Frauenrechte und dezentralisierte Ökonomie geht. Ihr Wirken als Wissenschaftlerin und Aktivistin wurde mit vielen Preisen gewürdigt, u. a. mit dem Alternativen Nobelpreis. Das aktuelle Buch: Jenseits des Wachstums – warum wir mit der Erde Frieden schließen müssen von Vandana Shiva, RotpunktverlagWarum wir das Buch lesen sollten, hat uns Vandana Shiva selbst beantwortet: „Es ist mein persönliches Resümee nach vierzig Jahren Einsatz in der öko-logischen Bewegung. Außerdem ist es eine Geschichte, die uns zeigt, wie wir es schaffen können, einen friedvollen Paradigmenwechsel durchzusetzen, um damit eine bessere Welt für uns zu gestalten.“

 

 

 

 

 

 

 

 

Das aktuelle Buch: Jenseits des Wachstums – warum wir mit der Erde Frieden schließen müssen von Vandana Shiva, Rotpunktverlag.
Warum wir das Buch lesen sollten, hat uns Vandana Shiva selbst beantwortet: „Es ist mein persönliches Resümee nach vierzig Jahren Einsatz in der öko-logischen Bewegung. Außerdem ist es eine Geschichte, die uns zeigt, wie wir es schaffen können, einen friedvollen Paradigmenwechsel durchzusetzen, um damit eine bessere Welt für uns zu gestalten.“

 

 

 

Lesen Sie mehr zu Vandana Shiva im aktuellen Freude Magazin – hier gehts zur Online Ausgabe

 

 

 

 

 

 

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