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Im Berliner Kreativlabor

Ohne Werner Aisslinger findet heutzutage keine Möbelmesse mehr statt und auch das MoMa in New York zeigt Stücke des Deutschen. Begonnen hat alles mit einem Studium an der UDK in Berlin, danach folgten Aufträge London und Mailand. Heute findet man den Designer entweder in seinem Kreativlabor in Berlin oder im Studio in Singapur. Seine Entwürfe stehen für Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Natur und faire Produktionsbedingungen, für Aisslinger heutzutage die wichtigsten Kriterien für Luxus.

*aktueller Anlass: Werner Aisslinger hat zudem auch das 25hours Hotel im Bikini Hotel Berlin eingerichtet.
*Das Interview ist erschienen im aktuellen Magazin complete, LUXUS 1/2014 für den Falter Verlag CP

 

DER BLICK HINTER DIE KULISSEN MUSS STIMMEN

In Berlin residieren weltbekannte Designer nicht in schicken Bürohäusern im Stadtzentrum, sondern in alten Klinkerstein-Fabrikgebäuden zwischen großen Baustellen. So auch das Studio Aisslinger. In die Einfahrt und beim Getränkegroßmarkt rechts, durch ein Tor vorbei an dem Bauschutt (beim Durchgang durch den Tunnel den Kopf ein wenig einziehen in der Hoffnung, dass keine Zigelsteinstücke von der Decke fallen) und hinauf in den dritten Stock. Die Tür geht auf und eröffnet den Blick in ein sonnendurchflutetes Loft mit viel Platz für allerlei bunte Möbelprototypen, futuristisch anmutende Designstücke und große Schreibtische mit ebenso großen Monitoren. Dazwischen viele Bilder, Ideen, Entwürfe. Ein Kreativlabor, wie man es sich in Kindertagen nicht schöner hätte erträumen können. Werner Aisslinger hat viele Ideen – und die wollen umgesetzt werden. Deshalb nimmt er pünktlich an dem weißen Modelltisch unter einem Lampenschirm, der aus aufgeschlagenen Coffeetablebooks zusammengesetzt ist, zum Interview Platz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

INTERVIEW

Herr Aisslinger, Ihre Arbeitsstätte sieht aus wie in ein großes Labor für Kreativität. Puristische Stühle, verspielte Pilzhocker, wabenähnliche Pavillons, ausgebreitete Entwurfszeichnungen, Schablonen. Woher nehmen Sie Ihre Inspiration für das alles?

Werner Aisslinger: Berlin. Die ganze Stadt ist eine Experimentierstätte für Kreativität. Die Hälfte meiner Ideen finde ich hier auf der Straße. Auch, wenn hier mittlerweile viele neue und luxuriös anmutende Plätze entstanden sind, Berlin ist immer noch eine Stadt mit geringen Lebenshaltungskosten, das zieht die Kreativen an. Wären wir jetzt in London oder in New York, würden wir in einem nur halb so große mein Studio sitzen, wenn überhaupt. Berlin ist eigentlich das Gegenteil von der gängigen Vorstellung von Luxus. Man spürt hier nicht so den Druck einer globalisierten Welt, wie etwa in anderen Metropolen. Und das gibt uns Entwerfern eine gewisse Freiheit – unter solchen, vom finanziellen Druck befreiten Bedingungen können Ideen besonders gut sprudeln.

Apropos Luxus. Was bedeutet dieser Begriff für Sie?

Werner Aisslinger: Luxus hat für mich immer in erster Linie mit Qualität zu tun. Die Qualität eines guten Schuhs oder die des Materials aus dem er besteht oder auch ein perfekt gemachter Kaffee. Luxus sind für mich aber auch kleine, erfreuliche Episoden, die sich am Tag aneinanderreihen. Etwa, dass ich mit dem Rad zur Arbeit fahren kann, bei meinem Lieblingscoffeshop anhalte, um einen Espresso zu genießen, vielleicht am Abend noch Zeit habe ein Buch zu lesen. Wenn man 7 Tage die Woche im Büro ist oder in der Welt unterwegs, dann weiß man diese besonderen Momente zu genießen. Das geht mittlerweile vielen Menschen so. Auch wenn man für den von mir beschriebenen Lebensstil sicher eine gewisse Portion Geld benötigt, Luxus in einem zeitgenössischen Sinn hat auf jeden Fall nichts mehr mit „bling bling“ zu tun.

Wann kann man ein Möbelstück als Luxusartikel bezeichnen?

Werner Aisslinger: Jedes Möbelstück, das speziell von einem Designer entworfen und nicht adaptiert wurde, ist Luxus. Ein Designer wird meist als Innovationsschub von einem Unternehmen zur Entwicklung eines hochpreisigen Produktes hinzugezogen. Daraus ergibt sich auch ein höherer Preis für das Endresultat. 400 bis 1200 Euro für einen Stuhl sind da keine Ausnahme. Dieser wiederum hat aber auch mit dem Entstehungsprozess zu tun, da ein gutes Design Zeit in Anspruch nimmt. Bei einem Stuhl sind das meist zwischen einem und drei Jahren für die Entwicklung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Luxus ist also immer teuer?

Werner Aisslinger: Luxus hat meist seinen Preis. Der Wert des Luxusgegenstandes hat aber nicht nur mit dem Preis zu tun. Er spiegelt sich durch das Design und das Material. Nachhatligkeit und Regionaliät sind wichtige Aspekte. Das gute Produkt denkt seine Entsorgung gleich mit. In meiner „Chair Farm“ etwa werden Weiden gleich in die Form eines Stuhls gebogen, der fertige Stuhl kann dann einfach geerntet werde. Das Wissen, wie ein Gegenstand entstanden ist ist mindestens so wichtig wie das Material. Wenn ich weiß, dass der Artikel von einem kleinen Jungen in Bangladesch in einer riesigen Produktion, die keine fairen Arbeitsbedingungen zulässt, gefertigt wurde, hat das gekaufte Stück immer einen schalen Nachgeschmack. Wenn ich weiß, der Tischler um die Ecke hat das Möbelstück zu fairen Bedingungen gefertigt und es musste nicht um die halbe Welt befördert werden, dann macht mich das zufrieden. Der Blick hinter die Kulissen muss stimmen, erst dann bin ich glücklich mit meinem Luxusartikel.

Der Stuhl taucht bei Ihnen immer wieder als zentrales Element auf. Ist er wirklich die Königsdiziplin des Möbelentwurfs?

Werner Aisslinger: Ja, der Stuhl ist seit das Masterpiece eines jeden Möbeldesigners. Der Stuhl ist sehr nahe dran am Menschen. Die erste Hülle ist die Kleidung, die zweite das Sitzmöbel. Überlegen Sie mal, sie verbringen tagsüber mehr Zeit damit auf einem Stuhl zu sitzen als mit Ihrem Smartphone. Da sich die Anatomie des Menschen in den letzten Jahrtausenden auch nicht wirklich verändert hat, kann man am Stuhl auch sehr schön die Evolution des Wohnens betrachten. Die Kulturgeschichte des Designs macht sich in den Museen nicht am Zahnputzbecher sichtbar, sondern am Stuhl. Zudem ist es eine spannende technische Herausforderung dieses komplexe Möbel, dass auch gewissen Kräften Stand halten muss, zu entwerfen.

Was halten Sie von Trends?

Werner Aisslinger: Die Mode kommt und geht. Gutes Design ist nicht modisch aber es setzt vielleicht einen Trend.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit Ihrem mehrfach ausgezeichneten Entwurf des ‚Loftcube’ sind Sie der Trendwelle vorangeschwommen: Konzepte zu Wohnen auf kleinstem Raum im urbanen Raum.

Werner Aisslinger: Ja, mit dem ‚Loftcube’ waren wir 2003 dem Trend voraus. Entwickelt wurde das kleine, mobile Haus, das es bereits ab 39 qm gibt, als Wohnkonzept zur Rückgewinnung von günstigem urbanen Wohnraum. Dank steigender Immobilienpreise in Großstädten und dem Wunsch vieler Stadtbewohner mobil zu sein, sind solche Konzepte immer gefragter. Der Prototyp des Loftcube wurde in Berlin errichtet, auf einem Flachdach. Und das war auch die Idee dahinter. In Berlin gibt es viele Häuser mit Flachdächern, die so genannten Plattenbauten aus den 1950er und 60er Jahren. Diese Dächer sind ungenutzt, womit eine große Fläche in der Stadt einfach leer steht. Mit dem ‚Loftcube’ kann man diesen ungenutzten Raum einfach besiedeln. Das kleine, mobile Haus ist schlau eingerichtet, bietet alles, was man zum Leben braucht und kann einfach mitgenommen werden in eine andere Stadt. In unserem Entwurf hatten wir auch die Idee, dass es mietbare ‚Loftcube’ Stellplätze in New York, London, Amsterdam hätte geben sollen. Auch eine moderne Form von Luxus, wenn man jederzeit einfach mit seinem kompletten Hausstand umziehen kann.

Eine leistbare Version des kurzfristigen urbanen Wohnens haben Sie in Graz umgesetzt.

Werner Aisslinger: Wir durften das Hotel Daniel in Graz einrichten und ausstatten. Hier war die Idee, dass man zu einem leistbaren Betrag auch in einem Designhotel nächtigen kann. Das Budget Designhotel mit 3 Sternen, und nicht 5 wie üblich. Es wurde sogar zum ‚Hotel of the year 2006’ gekürt.

Eine noble Sache, könnte man sagen. Daher auch die letzte Frage zu unserem Thema: Wie würde ein Möbelstück aussehen, das den Namen „Noblesse“ trägt?

Werner Aisslinger: Das ist ein schöner Name, der beschreibt, was ich als gutes Design erachte. Noblesse hat für mich etwas mit Lässigkeit zu tun, es ist das Gegenteil von glänzender, künstlicher Neuwertigkeit und angestrengtem Label-Namedropping. „Noblesse“ wäre eine große, funktional geschnittene Couch, bezogen mit dickem, sehr faltigem Leder. Sie würde in der Wohnung von Weltbürgern stehen, zwischen Mitbringeln von fernen Reisen und bunten Kunstgegenständen.

 

Bikini Wood Chair Colour:

 

 

 

 

 

Loft Cube:

 

 

 

 

 

Chair Farm:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alle Infos zum Studio Aisslinger: www.aisslinger.de

Alles zum 25hours Bikini Berlin: www.25hours-hotels.com/en/bikini

 

Complete Magazin Luxus 1-2014_Interview

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