Mundpropaganda für Bienen
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Von der Biene in den Mund

Im Schwänzeltanz zum Bienenschutz

Das Kollektiv der Bienenvölker ist bedroht. Daher ist ein kollektives Überdenken unseres Umgangs mit der Natur von Nöten.
Es wäre langweilig auf unseren Tellern, wenn die Bienen nicht mehr da wären, nicht nur weil der Honig fehlen würde. Die Biene ist eine der wichtigsten Dienstleisterinnen unseres Ökosystems und derzeit bedroht von vielen verschiedenen unnatürlichen Einflüssen, die wir ihr zumuten. Die Politik hat erste Schritte eingeleitet, indem sie den Einsatz von bestimmten Pestiziden in der EU verbietet. Doch ob das wirklich ausreicht, um die intelligenten Superorganismen zu schützen, ist noch nicht geklärt. Daher sollten wir ebenso wie die Bienen an einem Strang ziehen und weitere Maßnahmen zu ihrem Schutz in die Wege leiten.

Text: Yvonne Schröder für das neue Mulikosmos Magazin von Multikraft – siehe hier

 

Ein kleiner Platz für eine kurze Verschnaufpause, das reicht oft schon aus. Anfliegen, absetzen und ausruhen von der täglichen harten Arbeit, das können Bienen seit einiger Zeit in der Bee Station auf dem Dach des Designhotels Daniel in Wien. Auch auf der Staatsoper und auch in anderen Städten weltweit gibt es bereits solche Ausruhstationen für Bienen, deren Leben schon im Normalzustand Schwerstarbeit ist. Zudem wird ihnen das Herumsummen nicht nur in der Stadt, sondern mittlerweile auch auf dem Land schwer gemacht.

Das Synonym der fleißigen Biene kommt nicht von ungefähr. In ihrem 4- bis 5-wöchigen Leben produziert sie knapp einen Teelöffel Honig. Jürgen Tautz, deutscher Bienenexperte und Gründer der international angesehenen BeeGroup in Würzburg, führte zum Arbeitsaufwand der “Apis mellifera” vor Kurzem ein weltweit einmaliges Experiment durch: Tausende Bienen erhielten einen winzigen Funkchip auf den Rücken, der eine detaillierte Vermessung ihrer Flüge ermöglichte. Dabei kam heraus, dass die Sammlerinnen eines Stocks für zwei Kilogramm Honig eine Flugstrecke von der Erde bis zum Mond hinter sich bringen müssen.
Dazu ist auch ein enormes Maß an Teamwork notwendig. Dass Bienenvölker von Soziologen gerne als Beispiel für kollekive Intelligenz herangezogen werden, ist kein Wunder. Die Gesellschaft der Bienen funktioniert nur im Kollektiv, ob es dabei um die Aufzucht der nächsten Generation oder um die Nahrungsfindung geht. Wie intelligent die kleinen Lebewesen sind wird deutlich, wenn man ihre Kommunikation miteinander unter die Lupe nimmt. Hat eine Biene Nahrung gefunden, „tanzt“ sie ihren Schwestern vor, wo diese zu finden ist. Sie „stampft“ und zuckt mit den Flügeln. Je schneller sie schwänzelt, desto näher ist die Nahrungsquelle, Entfernung und Himmelsrichtung werden über einen eigenen Takt kommuniziert. Bienenforscher Jürgen Tautz hat zudem herausgefunden, dass der so genannte Schwänzeltanz die Informationen nicht nur an die zuschauenden Bienen, sondern gleich an den ganzen Stock überträgt. Die Biene bringt mit ihrem Tanz das Wachs im Stock in Schwingung und überträgt so die Information wie bei einem Funksystem auch an die weiter entfernt stehenden Sammlerinnen.

Auch hinter der Aufzucht der Bienenkönigin, die mit einem eigenen Saft, dem Gelee Royale, ernährt wird und das Aufpeppeln deren Larven, stehen hoch entwickelte Systeme, die den Erhalt der Bienengesellschaft garantieren. Ein Bienenstaat funktioniert wie ein eigener intelligenter Organismus. „Eine einzelne Biene besitzt zwar nicht viele Gehrinzellen, zusammen verfügt ein Bienenstock jedoch über halb so viele Nervenzellen wie ein menschliches Gehirn“, erklärt Tautz. Verliert ein Stock an Mitgliedern, dann bedeutet dies nicht nur mehr Arbeit für die einzelne Biene, sondern auch, dass die Existenz des ganzen Volkes gefährdet ist.

 

 

 

 

 

 

 

‚Der Bestand an Honig- und Wildbienen sowie anderer Bestäuber scheint weltweit zurückzugehen, insbesondere in Nordamerika und Europa’, heißt es in einem Schreiben von Greenpeace zur Problematik des Bienensterbens. ‚Schätzungen zufolge belaufen sich die Verluste an Honigbienenvölkern in Mitteleuropa seit 1985 auf etwa 25 Prozent, in Großbritannien sind es 54 Prozent.’ Exakte Zahlen gibt es jedoch nicht, da bisher noch regionale und internationale Programme zur Überwachung der Bienenkulturen und zur Bestäubung fehlen.

„Es gibt kein Einwohnermeldeamt für Bienen“, sagt Walter Haefeker, Präsident des Europäischen Berufsimkerverbandes EPBA, dem einzig unabhängigen Imkerverbands Europas. „Niemand hat Zahlen, es gibt nur Schätzungen, Erfahrungswerte und Studien. Die jedoch zeigen, dass immer mehr Bienenvölker verschwinden. So kann man etwa sagen, dass es vor hundert Jahren alleine in Deutschland noch etwa 4 Millionen Bienenvölker gab, jetzt sind es noch 700.000 – und das ist nicht zu ignorieren.“

Wie es den Bienen weltweit ergeht, davon konnten sich bisher über 500.000 Kinozuschauer ein Bild machen. In der erfolgreichen Dokumentation „More than honey“ des Schweizer Regisseurs Markus Imhof sieht man unter anderem auch, wie chinesische Arbeiter durch die Baumkronen balancieren, um mit einem Pinsel von Hand die Bestäubung der Obstbäume durchzuführen. In dieser Region des Landes sind die Bienen vor einigen Jahren durch übermäßige Pestizidanwendung verschwunden. In Kalifornien befruchten nach wie vor Bienen die riesigen Felder der Mandelbäume, die ebenso mit Pflanzenschutzmitteln besprüht werden, damit der Ertrag stimmt. Was man auch hier dabei vergisst: Den wahren Ertrag leisten die Bienen, die jedoch an dem Gift erkranken weil sie es über die Nahrung in ihr Volk tragen. „Wenn man die Entwicklung der Bestäubungsprämien in den USA ansieht, erhält man schnell Zahlen“, sagt Haefeker. Angebot und Nachfrage regeln den Preis. Der Preis für die Bestäubungsleistung geht rauf, wenn das Bienenangebot sinkt. In bestimmten Gebieten Nordamerikas, Ostasiens und Europas liegt der Bestäubungswert bei bis zu 1.500 US-Dollar pro Hektar. Dieses Geld geht Landwirten – und der Gesellschaft im Allgemeinen – verloren, wenn die Bestäuber in diesen Regionen schwinden. Der zwischen 1993 und 2009 beobachtete Anstieg der Produzentenpreise für bestäubungsabhängige Kulturpflanzen kann als jüngstes „Warnsignal“ für das Span-nungsfeld zwischen Ernteerträgen und dem Rückgang der Bestäuberpopulation gedeutet werden. „Handbestäubung wie in China als Lösung ist keine Alternaive für die Zukunft“, sagt Christine Gebeneter, Pressesprecherin Greenpeace Österreich. „Zum einen weil der Mensch niemals an das Bestäubungs-Pensum der Bienen herankommt, zum anderen aber auch weil das komplette Ökosystem nicht mehr intakt ist. Und das hat auf Dauer noch viel schlimmere Auswirkungen.“

„Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben“, sagte einst Albert Einstein. Ob dies so wäre will niemand herausfinden. Fakt ist jedoch, der Verlust von Honig als Narhungsmittel wäre dann unsere letzte Sorge. Die Biene ist eine wichtige Ökoschutzdienstleisterin, denn etwa ein Drittel der Nahrungsmittel, die wir zu uns nehmen, ist von der Bestäubung der Biene abhängig. Ohne sie würde unser Speiseplan immens schrumpfen.

In den Medien findet man zu diesen Aussagen eine große Bandbreite an Berichterstattungen – von Aussagen wie „Bienensterben gab es schon immer“ bis hin zu wahren Schreckensmeldungen, die besagen, dass mit der Biene auch die Welt untergeht. „Auch, wenn Völker verloren gehen“, so Bienenexperte Haefeker „kann der Imker durch eine Teilung des Bienenvolkes den Verlust auch wieder auf natürliche Weise ersetzen.“ Allerdings seien die Bienen früher vitaler gewesen als heute. „Früher konnte man ein Volk problemlos in drei teilen. Heute ist es gerade in Regionen mit intensiver Landwirtschaft nur noch ein Mal teilbar.“

Mit intensiver Landwirtschaft ist zum einen der Anbau von Monokulturen, also die regionale Konzentration auf ein landwirtschaftliches Produkt, gemeint. „Bienen brauchen eine Pollenvielfalt, ebenso wie wir, wenn wir uns gesund ernähren wollen“, erklärt der EPBA-Präsident. Auch, wenn Bienen Blütentreu sind, also immer für einen Zeitraum zu einer Pflanzenart fliegen, so wechseln sie dennoch wenn die natürliche Blütezeit dieser vorbei ist auch zu anderen Pflanzen. Im Frühjahr etwa „ernähren“ sie sich von Apfelblüten, im Sommer wechseln sie zum Löwenzahn und im Herbst zu den Kornblumen. Sie konsumieren saisonal.
Eine ausgeräumte Landwirtschaft, in der nur Monokulturen blühen, lässt ihnen keine Wahl zum Wechsel.

Zum anderen ist mit intensiver Landwirtschaft der Einsatz von Pestiziden gemeint, auf die vor allem Monokulturen zum Schutz vor Schädlingen, angewiesen sind.
„Der Zusammenhang zwischen dem Bienensterben und dem Einsatz von Pestiziden wird mittlerweile durch immer mehr Studien bestätigt“, erklärt Gebeneter. Als besonders gefährlich werden die Neonicotinoide, eine Gruppe von hochgiftigen Insektiziden, eingestuft. Sie werden vor allem als Beizmittel zur Behandlung von Saatgut verwendet. Neonicotinoide sind synthetisch hergestellte nikontinartige Wirkstoffe die bei Insekten wie ein Nervengift wirken. „Die Neonikotinoide sind für Bienen 7.000 Mal toxischer als DDT, Dichlordiphenyltrichlorethan, ein Insektizid, das bereits in den 1970er Jahren aufgrund seiner hohen Giftigkeit verboten wurde“, sagt Haefeker. Zum einen schwächen diese Pestizide die Immunabwehr der Bienen und machen sie daher anfälliger für Krankheiten und Parasiten. Die Natur hat die Biene nicht mit den nötigen Entgiftungsgenome ausgestattet, die Schädlinge jedoch schon. Daher sind diese oft bereits resistent gegen die Pflanzenschutzmittel, die Biene jedoch trägt die gespritzte Nahrung in den Stock und vergiftet somit das gesamte Volk. Wenn sie denn dort ankommt.

Neonicotinoide beeinflussen unter anderem das Nervenleitsystem der Tiere. Durch Koordinationsverlust und Orientierungslosigkeit, die durch das Gift herbeigeführt werden, finden viele Bienen nicht mehr zurück. „Man kann es mit einer Art Betrunkensein vergleichen“, erklärt Bienenexperte Haefeker. Auch die Kommunikationsfähigkeit, die vor allem beim Schwänzeltanz wichtig ist, lässt nach. Die Biene kann ihren Schwestern nicht mehr erklären, wo die nächste und beste Nahrungsquelle liegt oder sie führt sie auf eine falsche Fährte.

Auf eine falsche Fährte locken auch Pharma- und Agrarkonzerne Politiker, in dem sie die Gefahr für die Bestäuber herunterspielen. Eine Argumentation ist, dass die Bienen nicht durch die Aufnahme des Pestizids getötet würden. „Dabei vergisst man allerdings, dass es sich um eine chronische Vergiftung handelt“, sagt Haefeker. „Man kann die Symptome etwa mit dem Verzehr Alkohol vergleichen – es gibt einen Unterschied zwischen der Menge, die mich tötet und der, die mich Fahruntüchtig macht.“ Zudem gibt es immer wieder die Behauptung von Seiten der Pestizidbefürworter, dass die nicht-artgerechte Haltung durch die Imker selbst oder auch die Varroa Milbe, der bekannteste Bienenschädling, an dem vermehrten Sterben der Bienenvölker schuld seien. Den Beweis für die Schädigung durch die Spritzmittel liefert letztlich jedoch die Tatsache, dass auch die Hummeln und Wildbienen verschwinden. „Doch Hummeln leiden weder unter Varroa noch unter der Betreuung durch Imker“, so Haefeker. Dazu kommt, dass laut Erfahrungen und Beobachtungen der Imker Bienen in kleinen Regionen, in denen in erster Linie Bio-Nahrungsmittel angebaut werden, auf Dauer widerstandsfähiger sind. Und auch in der Großstadt geht es ihnen vergleichsweise besser, da dort weniger Pestizide eingesetzt werden aber auch viele verschiedene Blumen wachsen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nachdem in den letzten Jahren einige der EU-Mitgliedstaaten eigenhändig Teilverbote für Pestizide verhängt hatten, beauftragte die EU-Kommission die zuständige EU-Behörde EFSA, Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, eine wissenschaftliche Neubewertung der Neonikotonoide Clothianidin, Imidacloprid, Thiamethoxam und des Wirkstoffs Fipronil vorzunehmen. Man wollte feststellen, ob diese Verbote gerechtfertigt sind und in der Zulassung in allen Staaten etwas geändert werden müsse. Im April dieses Jahres haben sich die EU-Mitgliedstaaten mehrheitlich für ein Teilverbot der drei umstrittenen Pestizide ausgesprochen. 15 Länder stimmten für das Verbot, 8 Länder dagegen – darunter auch Österreich. Umweltminister Niki Berlakovich begründete die Ablehnung mit den „fehlenden wissenschaftlichen Studien zum Bienensterben.“ Drei der genannten Neoicotinoide werden für den Anbau von Mais, Sonnenblumen, Raps sowie Baumwolle vorerst für zwei Jahre verboten. Das Gesetz tritt am 1. Dezember 2013 in Kraft, nach zwei Jahren sollen die Auswirkungen überprüft werden.

Abgesehen von kollektiven Maßnahmen in der Politik kann jedoch auch jeder Einzelne seinen Teil dazu beitragen, dass es den Bienen besser geht. Dazu muss man keine Designer Beestation kaufen, es reicht schon beim privaten Gärtnern darauf zu achten welches Produkte man kauft. „Leider sind auch in vielen Produkten zur Bekämpfung von Insekten in Haus und Garten für Bienen schädliche Pestizide zu finden“, sagt Greenpeace-Sprecherin Gebeneter. Dabei kann man auch etwa mit ätherischen Ölen Schädlinge vertreiben. Falls man doch zu Produkten aus dem Handel greift, empfiehlt es sich darauf zu achten, welche Inhaltsstoffe darin enthalten sind und ob Warnhinweise wie „Bienengefährlich“ oder „Umweltgefährlich“ darauf angebracht sind.

Die Gesundheit der Bienen hängt letztlich von vielen Faktoren ab. „Die Beziehungen zwischen Mensch und Honigbiene verraten uns auch viel über uns und unsere Zukunft“, sagt Walter Haefeker, der auch Berufsimker in Bayern ist. „Sie reflektiert den ökologischen Zustand unserer Umwelt.“ Im Film „More than Honey“ lautet die zusammenfassende These: ‚Bienen sterben nicht einfach nur an Pestiziden oder Milben, an falscher Haltung, Monokulturen oder Stress, es ist die Summe aus all diesen Dingen. Sie sterben am Erfolg unserer Zivilisation.’

 

 

Alles über Maja, Willi & Co im Netz

Der FILMTIPP: http://www.morethanhoney-derfilm.at
Europäischer Berufsimkerverband, EPBA: www.professional-beekeepers.eu
BEEgroup von Jürgen Tautz: www.bienenforschung.biozentrum.uni-wuerzburg.de/
Greenpeace: www.greenpeace.org/austria/de/
Tipps zum bienenfreundlichen Gärtnern für HobbygärtnerInnen: www.umweltberatung.at/bienen
Bee-Station zu kaufen: www.hoteldaniel.com/de/blog/blog.beestation.html
Selber Imker werden?
www.biene-oesterreich.at
www.erwerbsimkerbund.at
www.imkerbund.at

Weitere nützliche Links:
www.bienenschutz.at
www.bienenschutz.at/report
www.marktcheck.at/bienenschutz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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