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Land unter?

Der international renommierte Klimaforscher MOJIB LATIF weiß, dass zu viel bzw. zu wenig Regen eine Folge der Erderwärmung ist. Noch sieht er aber Hoffnung, dass wir Menschen als Verursacher dieses Phänomen auch wieder stoppen können …

Interview: Yvonne Schröder, erschienen im Magazin von Sonnentor: http://www.freude.sonnentor.at/Freude/Aktuelle-Ausgabe/Freude-02#/WORTWECHSEL

 

 

FREUDE: Herr Professor Latif, mögen Sie eigentlich den Regen?
MOJIB LATIF: Ja, sehr. Ich fahre viel Fahrrad und ab und zu hat es auch etwas Erfrischendes, wenn es regnet. Auch Regen ist gutes Wetter. Was wäre eine Welt ohne Regen?

Sind Sie als Klimaforscher eigentlich immer darüber informiert, welches Wetter kommt?
Das Wetter kann man längerfristig nicht vorhersagen. Eine Woche maximal im Voraus lässt es sich bestimmen, alles andere sind weitgehend Mutmaßungen. Ich nehme es, wie es kommt, verändern kann ich oder können wir es sowieso nicht. Zumindest kurzfristig nicht. Nur langfristig. Und damit sollten wir sofort beginnen. Damit sind wir auch schon Mitten im Thema. In Mali zum Beispiel breitet sich die Sahara immer mehr aus, weil es kaum noch regnet, und in Europa gibt es sintflutartige Regenfälle.

Ist das ein Wetterphänomen oder sind das bereits die Folgen des Klimawandels?
Dieses Muster ist bereits die Folge des Klimawandels und auf lange Sicht gesehen werden sich diese Gegensätze noch verstärken. Das ist ungerecht und es wird sicher noch einige Jahrzehnte dauern, aber durch den Klimawandel werden trockene Gebiete tendenziell noch trockener und in bereits regnerischen wird es eher noch mehr regnen.

In einem Interview mit der „Zeit online“ haben Sie gesagt, dass man den Klimawandel „sehen“ kann. Wie meinen Sie das – sehen?
Dazu müssten Sie mit mir kurz einmal die Erde verlassen. Wir bewegen uns in den Weltraum und sehen uns die Satellitenaufnahmen der Erde aus den letzten 20 bis 30 Jahren an. Darauf sieht man deutlich, wie sich Eis und Schnee zurückgezogen haben, und auch, dass der Meeresspiegel ansteigt. Und dank der Infrarotaufnahmen, die die Satelliten machen, kann man die ansteigenden Temperaturen auf der Erde verdeutlichen. Das meinte ich, als ich sagte, man kann den Klimawandel buchstäblich sehen.

Es scheint, als würden die Studien des Weltklimarats IPCC zur Erderwärmung immer nur dann ernst genommen, wenn es in Folge extremer Wetterphänomene zu Katastrophen wie Dürre oder Hochwasser kommt. Warum, glauben Sie, dass die Gesellschaft den Klimawandel so stark verdrängt?
Das liegt vor allem daran, dass solche Katastrophen nach wie vor seltene Ereignisse sind. Die Zeitabstände dazwischen sind zwar erheblich kürzer geworden – früher gab es eine Jahrhundertflut dem Namen nach nur alle hundert Jahre, heute ereignen sich große Überschwemmungen bereits alle zehn Jahre, was letztlich aber immer noch eine sehr lange Zeitspanne ist. Auch wenn die Menschen das Ereignis nicht ganz vergessen, die Problematik tritt nach einiger Zeit, auch aufgrund von ganz normalen Alltagsproblemen, in den Hintergrund.

Werden unsere Kinder in 50 Jahren noch richtige Sommer erleben?
Die Sommer hier bei uns in Mitteleuropa werden extremer werden. Das heißt, sie werden sich in beide Richtungen verstärken, der Trend dazu ist schon seit einigen Jahren zu spüren. Es wird kurze Perioden geben, die heiß und trocken sind, die dann wiederum später von starken Niederschlägen abgelöst werden.

Skeptiker des Klimawandels behaupten, dass der Mensch alleine die Erderwärmung gar nicht verursachen würde, bzw. nutzen das Argument, es hätte schon immer Klimaveränderungen gegeben, und behaupten, dass es sich nur um ein natürliches Phänomen handle. Was erwidern Sie darauf?
Da werden ganz unterschiedliche Zeiten und die Ergebnisse vieler Jahrtausende vermengt. 5 Grad Erderwärmung in 20.000 Jahren sind normal, 1 Grad in hundert Jahren ist nicht normal. Diese schnelle Temperaturzunahme ist einzig durch die Miteinbeziehung des menschlichen Einflusses auf die Umwelt erklärbar. Als hauptverantwortlich gelten vor allem die vom Menschen emittierten Treibhausgase, zu denen auch das Kohlendioxid (CO 2 ) gehört. In den 900 Jahren vor der Industrialisierung war der CO 2 -Gehalt recht konstant, erst in den letzten hundert Jahren ist dieser rasant angestiegen. Die erhöhte Geschwindigkeit, mit der diese Werte ansteigen, ist nicht zu leugnen. Und dabei darf man nicht vergessen: Wir stehen erst am Anfang.

Können wir den Klimawandel überhaupt noch stoppen – und falls ja, wie?
Ja, nur müssen wir die Ursache akzeptieren und dann auch beseitigen. In erster Linie muss der CO 2 -Ausstoß gestoppt werden. CO 2  entsteht weltweit zu 90 Prozent durch die Verbrennung der fossilen Brennstoffe Erdgas, Öl und Kohle. Wir sollten unsere Energiegewinnung umstellen, und das am besten so schnell wie möglich bis zum Jahr 2050. Die Verlierer dieses Strukturwandels versuchen derzeit natürlich alles, um gegen diese lösungsorientierte Strategie anzugehen, und beeinflussen die Politik. Letztlich ist es eine Frage der Vernunft, auf die sauberen Energien zu setzen und damit auch den Klimawandel zu stoppen. Ich bin aber nach wie vor hoffnungsvoll, dass uns das gelingen wird.

Welche Länder werden besonders stark von der Erderwärmung betroffen sein?
Vor allem jene Länder, die am wenigsten für den Klimawandel können. Bangladesch etwa, dort ist man schon jetzt vom Anstieg des Meeresspiegels betroffen. Aber auch die pazifischen Inselstaaten, die gegen das ansteigende Wasser kämpfen, sowie Indien und die tropischen Gebiete, in denen es vermehrt monsunartige Niederschläge gibt. Laut einer Studie der Forscherin Franziska Piontek vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung gibt es auch positive Effekte des Klimawandels, wie etwa, dass man in Skandinavien nun durch mehr Sonne auch ertragreicher landwirtschaften kann.

Sehen Sie das genauso?
Nein. Ich denke, das ist zu kurz gesprungen. Wir leben in einer globalisierten Welt, da ist es nicht unwichtig, was woanders passiert. Wir sind alle miteinander verbunden, leben gemeinsam auf dieser Welt – daher werden uns alle auch die negativen Auswirkungen des Klimawandels betreffen. Das US-Pentagon hat vor einigen Jahren eine Studie herausgegeben, die die Konsequenzen meines Erachtens gut beschreibt. Vereinfacht zusammengefasst steht darin: Der ungebremste Klimawandel ist eine größere Sicherheitsbedrohung für die westliche Welt als der internationale Terrorismus. Der Klimawandel hat letztlich nur negative Auswirkungen für alle Länder und wir können das Problem nur gemeinsam lösen.

Können Sie kurz erklären, warum es bei uns vermehrt Stürme und Regenfälle gibt, wenn sich die Erde erwärmt?
Es kann bei höheren Temperaturen mehr Wasser verdunsten. Damit erhöht sich der Energiegehalt der Atmosphäre, weswegen potentiell mehr Wetterextreme auftreten können.

Wie gehen Sie mit der Erkenntnis um, dass die Erderwärmung nur noch schwer aufzuhalten ist? Was tun Sie im Alltag dagegen?
Ich habe beispielsweise mein persönliches Tempolimit und fahre nur 100km/h auf der Autobahn.

 

 

Zur Person:
Prof. Dr. Mojib Latif ist Leiter des Forschungsbereiches Ozeanzirkulation und Klimadynamik am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und arbeitet als Gastforscher in den USA und in Australien. Er hat mehrere Bücher zum Thema Klimawandel veröffentlicht. Geboren am 29.09.1954 in Hamburg

Promotion:
1987 in Ozeanographie, Universität Hamburg

Arbeit:
Wissenschaftliche Mitarbeit und später Privatdozent am Max-Plack-Institut für Meteorologie Hamburg (bis 2002), seit 2003 Professor am Institut für Meereskunde in Kiel, seit 2012 Professor am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, Gastforscher in den USA an den Instituten in La Jolla, (Kalifornien) und Miami (Florida) sowie in Melbourne (Australien). Seit 2002 Ehrenmitglied der Amerikanischen Meteorologischen Gesellschaft (AMS)

Wissenschaftliche Auszeichnungen (Auswahl):
Sverdrup Gold Medaille der AMS, Auszeichnung der Max-Planck-Gesellschaft für „Öffentliche Wissenschaft“, DUH-Umwelt-Medienpreis 2004: Kategorie “Lebenswerk”, Deutsche Bank-IFM-GEOMAR Meeresforschungspreis

BUCHTIPPS (u.a.):
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