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Bauch rein, Emotionen raus!

Aus gegebenem Anlass zum – Wieder-mal-Finale-heute-Abend: „Austria’s Next Topmodel“ 
Ein Bericht aus vergangenen Tagen, Falter:
Von Yvonne Schröder & Nathalie Großschädl

Gekommen sind sie in Scharen, und jede der jungen Frauen hat den gleichen Traum: Nachfolgerin von Larissa Marolt zu werden. Die Kärntnerin gewann die erste Staffel des Puls-4-Castingformats „Austria’s Next Topmodel“. Mit einem Nummernschild um den Hals und Hoffnung im Bauch blicken sie in Richtung Jury und warten auf das Urteil. Gehören sie zu jenen Kandidatinnen, die in die Model-WG einziehen dürfen?

„Mehr Mädchen! Mehr Glamour! Mehr Jetset!“ – so bewirbt Puls 4 die zweite Staffel der Show. Rund 4000 Frauen haben sich beworben, 300 davon schafften es in die Sendung – und nun geht sie los, die Realitysause mit viel nackter Haut, den dazugehörigen jungen Körpern und der großen Angst vor dem Urteil der Experten. Die Jury besteht aus einem Ex-„Germany’s Next Topmodel“, einer sendereigenen „Styleexpertin“, einem Fotografen und Exmodel als Mann für die Quote sowie der österreichischen Agenturchefin Andrea Weidler. Das Quartett entscheidet ab sofort jeden Mittwoch bis zum großen Finale im Februar 2010, wer die Schönste ist im ganzen Land. Die Siegerin wird dann „Austria’s Next Topmodel“, landet auf dem Cover einer Frauenzeitschrift, wird für eine Modekampagne fotografiert und darf bei der Pariser Fashion Week mitlaufen.
Was man für die Karriere als fernsehtaugliches Model mitbringen muss? Bei der Agentur Wiener Models liegt das ideale Einstiegsalter zwischen 15 und 18 Jahren, die Mindestgröße ist 1,72 Meter, und der maximale Hüftumfang sollte 90 Zentimeter betragen. Agenturchefin Andrea ­Weidler hält fest: „Wir möchten nicht, dass das Model hungern muss, um diese Maße zu halten.“
„Wer wie ein Hungerhaken aussieht, der ist auch oft einer“, sagt Mia Florentine Weiss. Die 28-Jährige arbeitete international als Laufstegmodel, lief unter anderem für Gucci, zierte Magazin-Cover, posierte in der amerikanischen Cosmopolitan und steht heute für Kataloge Modell. 2005 war sie das Gesicht der Raffaello-Werbespots und verbrachte einige Zeit in der Modemetropole Mailand.
Wie viele andere junge Frauen aus der ganzen Welt hatte sie ihre Agentur dorthin geschickt, um einen der begehrten Jobs bei den Schauen oder ein Shooting zu ergattern. Untergebracht waren Weiss und ihre Kolleginnen in „Model-WGs“, die mit WC am Gang und Stockbetten nicht ganz so luxuriös sind wie die im Fernsehen. Auch das gemeinsame Kochen mit der Modelmama blieb den echten Models versagt.
„In Mailand aß irgendwie niemand“, sagt Weiss. „Es gab Models, die haben einen Monat lang von einer Tüte Karamellbonbons gelebt. Eines am Tag. Und es ging auch immer nur darum, ‚wie dünn ist deine Hüfte‘.“ Heute arbeitet Weiss auch als Schauspielerin, bei 1,78 Meter Größe wiegt sie derzeit etwa 58 Kilo. „Auch ich habe in Mailand weniger gegessen, bis ich etwa 54 Kilo hatte. Caffè Latte mit fettarmer Milch und ohne Zucker hat die Zwischenmahlzeiten ersetzt. Und trotzdem hat man mir bei einigen Showcastings gesagt, ich sei zu dick“, sagt sie und lacht. „Nach Paris wurde ich übrigens nie geschickt. Dafür war ich erst recht zu dick.“
Laut einer soeben in Frankreich veröffentlichten Studie nehmen junge Models in Paris nicht mehr als 1000 Kalorien am Tag zu sich, etwa die Hälfte der nötigen Grundnahrung für eine erwachsene Frau. Eine der Folgen dieser unzureichenden Ernährung ist, dass die Menstruation ausbleibt. Aufgrund von Kalzium- und Magnesiummangel können Herzrhythmusstörungen auftreten, die Mädchen sind oft müde und leiden an Depressionen, aufgrund der Stoffwechselstörungen kann es zu Nierenversagen kommen, und nach längeren Hungerphasen leiden auch Zähne und Zahnfleisch.
Sicher nehmen das auch viele der 4000 Bewerberinnen für „Austria’s Next Topmodel“ in Kauf – für ihren Traum und mögliche Topgagen. Sogenannte New Faces verdienen im Geschäft mit der Schönheit immerhin zwischen 500 und 800 Euro, Profis haben je nach Marktwert Tagesgagen bis zu 2500 Euro, echte Topmodels arbeiten für 2500 bis 5000 Euro am Tag und bei Superstars gibt es sowieso kein Limit nach oben. Unterernährung ist da Berufsrisiko.

Aber wieso hungern dann nicht nur Models, sondern mittlerweile auch die Mehrzahl jener Frauen, die nicht aus ihrem Körper Kapital ziehen wollen? Laut Ernährungspsychologischem Institut in Göttingen ist jede zweite deutsche Frau essgestört, etwa 75 Prozent haben Diät­erfahrung, und 15 Prozent machen ständig eine Diät. In Österreich ist das wohl ähnlich.
Die Bilder im Fernsehen und in Hochglanzmagazinen hinterlassen ihre Spuren, und Magersucht wird mittlerweile von vielen Ärzten als eine mögliche Folge der Bilderflut mit superdünnen Überfrauen nicht mehr abgestritten.
Die Körpersoziologin Waltraud Posch, die schon seit 15 Jahren zum Thema „Schönheit“ forscht, spricht hier von der Technologie der Sichtbarkeit. Auf den Fidschiinseln wurde erst 1995 das Fernsehen eingeführt. Das weibliche Schönheitsideal war bis dahin immer ein Rubens-ähnliches. Eine Studie, die diesen Fernsehstart begleitete, fand heraus, dass unter adoleszenten Mädchen Essstörungen signifikant zunahmen, wenn sie in Haushalten mit Fernseher lebten.
„In unserer Gesellschaft ist jeder Mensch Unternehmer seiner selbst, Schaffer seiner Ich-AG. Man muss sich täglich am Markt bewähren, das gilt nicht nur für Models“, erklärt Posch. „Der Körper soll zeigen, wie wir uns fühlen. Er schafft dabei zweierlei: Identität und soziale Positionierung. Der Begriff Schönheit definiert sich in der westlichen Gegenwartsgesellschaft tendenziell anhand der Kriterien Schlankheit, Jugendlichkeit, Fitness und Authentizität.“ Studien belegen auch, dass der Mensch in Wirklichkeit das Durchschnittliche als schön empfindet. Experimente mit manipulierten Fotos zeigten, dass symmetrische Gesichter und Körper als besonders attraktiv empfunden wurden. Der Großteil der Menschen weicht von dieser „Normalität“ ab. „Es ist schon paradox“, sagt Posch. „Aber der Mensch hat Sehnsucht nach dem Normalen. Gleichzeitig will er sich aber davon abheben, um aus der Masse herauszustechen.“
Agenturchefin Andrea Weidler weiß, dass es nicht nur auf den Körper ankommt: „Agenturen suchen auch nach dem ‚gewissen ­Etwas‘. Abgesehen von den unabdingbaren Merkmalen ‚schöner, schlanker und größer als der Durchschnitt‘ geht es auch um Ausstrahlung und ein gutes Selbstwertgefühl. Ein Model muss mit der Kamera flirten können.“ Wenn eine 15-Jährige das geforderte Selbstwertgefühl noch nicht hat, dann kann sie auch lernen, dieses zu spielen. Es geht zwar um Äußerlichkeiten, vor der Kamera sollen die Frauen aber auch ihre inneren Werte zeigen. Ansonsten läuft man Gefahr, als langweilig und austauschbar zu gelten. Das Erfolgsrezept ist also: Bauch rein (auch wenn er knurrt), Emotionen raus! Koste es, was es wolle.
„Als ich später in New York war, kamen ganz andere Anforderungen“, erzählt Mia Florentine Weiss. „Sehr dünn sein war nach wie vor wichtig – zusätzlich sollte ich aber auch meine Zähne bleichen und die Brüste machen lassen.“ Und auch das Flirten sollte nicht nur vor der Kamera funktionieren. Bei einem Jobgespräch hatte sie plötzlich die Hand des Auftraggebers auf dem Knie. „Ich habe aber weder an mir rumschneiden lassen, noch bin ich auf anzügliche Angebote eingegangen“, sagt sie. „Was aber auch daran lag, dass ich erst entdeckt wurde, als ich schon studierte und in meiner Persönlichkeit bereits so gefestigt war, um Dinge erst einmal zu hinterfragen.“

Warum zwingen sich emanzipierte Frauen in das Korsett der Schönheitsfalle? Und orientieren sich dabei oft an Vorbildern, die im Grunde genommen noch nicht einmal aussehen wie erwachsene Frauen, sondern wie Mädchen zu Beginn der Pubertät? Nur die Pickel sieht man nicht, denn die werden fürs Foto wegretuschiert, wie auch die Körper am Computer manipuliert werden. Selbst die Nackten in den Männermagazinen sind mittlerweile mager, oft schamhaarlos, was den „Kleine-Mädchen-Effekt“ noch verstärkt. Nur die Brüste dieser Lolitas sind aufgepumpt, als letztes Sexindiz sozusagen.
Der Mechanismus hinter dem Körperkult ist simpel: Die Medien kreieren die Schönheitsideale und damit die Frustration der Frauen, dann kommt die Kosmetik- und Modeindustrie und verspricht Hilfe. Das Ergebnis sind viele verunsicherte Frauen, die ihren Körper als komplette Problemzone sehen. Da mittlerweile aber nicht nur das Selbstwertgefühl, sondern auch die Gesundheit der Frauen leidet, weil ein Model nach dem anderen auf dem Laufsteg zusammenbricht, gibt es nun auch erste Gegenströmungen: Die Frauenzeitschrift Brigitte etwa verspricht, nur noch „echte Frauen“ abzubilden.
Die Chefredakteurin der britischen Vogue appellierte in einem öffentlichen Brief an die Designer der großen Modehäuser, endlich auch für größere Größen zu schneidern. Designer Karl Lagerfeld, der bisher nur mit Magermodels arbeitete, entdeckte heuer Beth Ditto, die schwergewichtige Sängerin der Band Gossip als Muse, und in Frankreich wurde ein Gesetzesentwurf vorgelegt, nach dem die Werbeagenturen verpflichtet werden sollen, digital veränderte Körper in Anzeigen als Kunstprodukte zu kennzeichnen.
„Das Business lebt von den Träumen“, sagt Model Weiss. „Wir wollen Dinge sehen, die wir bewundern können, da schließe ich mich selbst nicht aus. Und jede Frau weiß, wie schwer es ist, eine Größe 36 zu halten.“ Abgesehen davon werden schöne Frauen ja auch anerkannt, im Modelbusiness etwa mit hohen Gagen. Immerhin eine der wenigen Branchen, in der Frauen durchschnittlich mehr Geld verdienen als Männer.
Einige wenige Frauen, wohlgemerkt.Alle anderen sollten sich vor Augen halten, dass nicht der eigene Körper falsch geraten ist, sondern Industrie und Medien einen absurden Schönheitsbegriff propagieren.
Daran sollten vor allem auch jene jungen Frauen denken, für die es bei der Fernsehsuche nach Österreichs nächstem Topmodel heißt: „Leider nein!“

Yvonne Schröder in Falter : Wien 48/2009 vom 25.11.2009 (Seite 42)

 

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