Jefford
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Der kleine tapfere Begleiter „365 ways to RELAX mind, body & soul“ hilft ihr jetzt auch nicht. Tamara nimmt mit der linken Hand das olivgrüne Veloursledersäckchen vom Boden und geht zur Handgepäckkontrolle, Abfluggate 67 am Frankfurter Flughafen. Mechanisch präsentiert sie ihre Flugtickets, lässt das Lederaccessoire und den Tweedmantel auf die matt glänzenden silbernen Rollen gleiten. Sie tritt durch den Detektorrahmen, spreizt die Arme, nimmt das Säckchen diesmal mit der rechten Hand zu sich, hängt den Mantel über die Schultern, um sich auf die äußerste der Plastiksitzschalen in der letzten leeren Reihe vor dem Gate zu retten. Erst jetzt spürt sie, dass ihr rechtes Bein kribbelt. Sie setzt sich, krampft die Zehen zusammen, hebt den Fuß auf den Ballen und spannt die Wadenmuskulatur an. Währenddessen inspiziert sie das gläserne geräumige Umfeld. Ihr Blick bleibt an den runden Schnauzen der nur wenige Meter entfernt geparkten Flugzeuge haften. Tamara fühlt sich von ihnen beobachtet.

- Was, wenn ich wieder ohnmächtig werde? Wie letzten Dienstag im Auto auf dem Weg nach Hause. Wenn ich es nicht mehr schaffe zu gehen, weil beide Beine nicht durchblutet werden.

Sie legt den Mantel über den Beutel auf ihren Schoß. Es ist erst eine Woche vergangen seit der Situation im Kino. Im Michael Moore Film „Fahrenheit 911“. - Paul war ein Engel – aber das war er schon immer. Muss denn auch genau in dem Moment, als die Flugzeuge in das WTC fliegen das Bild ausfallen? Künstlerische Freiheit, so ein Scheiß.

Tamara rutscht auf der unbequemen Sitzfläche herum. „Verdammt“, sie flucht leise und bückt sich nach dem Sonnenbrillenetui, das aus ihrer Handtasche auf den Boden gestürzt ist. Ihre Gliedmaßen haben Schwierigkeiten, die Befehle des Gehirns umzusetzen. Das Etui rutscht ihr ein weiteres Mal aus der Hand, bevor sie es wieder verstaut. Sie zieht den engen Haargummi von ihrem Handgelenk und bemüht sich mit den kalten tauben Fingern das mahagonifarbene Haar zu einem Pferdeschwanz zu bändigen.

Marilyn Mansons „Disposable Teens“ schallt polyphon aus ihrer Manteltasche. Aufgeschreckt lässt sie von den Haaren ab, fischt nach dem kleinen Handy während sie Kraft sammelt.

„Ja!“ spricht sie mit konsequenter Stimme und hebt den Kopf.
„Hallo, mein Schatz. Wie geht es Dir?“ Auch die Stimme am anderen Ende versucht Irritationen zu vermeiden.
„Ich bin noch nicht umgekippt – und immerhin sitze ich schon im Gate. Ich werde auch gleich aufgerufen.“ Sie atmet tief ein und aus. Der ganze Jogascheiß bringt auch nichts, denkt sie und wirft die ozeanische Atemtechnik über Bord.
„Konntest Du wenigstens ein bisschen schlafen?“ spult die ältere Frauenstimme ihre Floskel ab.
„Ich hab’ die letzten drei Jahre nicht mehr richtig geschlafen. Das ist ja einer der Gründe wieso ich hier jetzt sitze.“
„Ich weiß. Aber muss denn bei dir immer alles gleich so extrem sein? Versuch doch noch einmal mit Paul eine Lösung zu finden. Der ist doch so …“
Tamara ist gereizt. „Mama! Nicht schon wieder, komm bitte.“ Ihre Stimme überschlägt sich. „Paul und ich haben nächtelang geredet. Erst konnte nur ich nicht schlafen, dann er nicht.“ Tamara ringt um Fassung und gewinnt. „Für ihn ist es auch besser so. “
„Bitte pass auf Dich auf. In Tansania gibt es immer wieder Unruhen und…“
„Aber keine Hochhäuser!” Stille. „Entschuldige, mach Dir bitte keine Sorgen! Ich habe eine Unterkunft, eine Aufgabe und endlich mal Zeit auch etwas für andere zu tun.“
„Du hattest so einen guten Job…“
„Ja, Mutter. Genau. Nur leider klappt sich die Karriereleiter ganz schnell zusammen, wenn man nicht weiß wann die nächste Panikattacke kommt…“, Tamara verliert die Geduld: „oder wenn man keine Flugzeuge mehr besteigen kann.“

Die Durchsage übertönt ihre Stimme. „Guten Morgen sehr geehrte Fluggäste. Wir bitten die Passagiere des Fluges Lufthansa 271 nach Mombasa sich an Gate 67 bereit zu halten. In wenigen Minuten werden wir mit dem Boarding beginnen. Vielen Dank.“

„Du hättest damals nicht nach New York gehen sollen.“ Beendet Tamaras Mutter das Gespräch.
„Ich hab’ Dich lieb Mama – und jetzt mach es mir nicht so schwer, ok?“ Sie schluckt den Kloß hinunter bis in den Bauch.
„Pass auf Dich auf.“

Die traurige Stimme der Mutter hallt noch weiter in ihre Kopf und durch die ganze ungemütliche Atmosphäre der Abflughalle in Richtung Boarding Gate. Tamara spürt die aufkommende Angst, sie kennt den typischen Ablauf einer Panikattacke ganz genau. Die Vertrautheit ist es eigentlich, die ihre Angst noch größer werden lässt. Ein Gefühl der Schwerelosigkeit überkommt sie, zuerst erstarren immer die Hände. Tamara versucht die Mutterstimme zu verdrängen. - Vielleicht sollte sie besser doch nicht einsteigen, wer weiß schon ob eine Auszeit wirklich der richtige Weg für sie ist? Ihr wird schlecht.

„Wir bitten die Passagiere der Sitzreihen 25 bis 35 zuerst einzusteigen. Reihe 25 bis 35, bitte. Vielen Dank.“

Jetzt geht’s los, haha. Während Tamara die Worte im Geiste ausspricht startet der helle Ton im rechten Ohr. Inzwischen hat die Taubheit ihre Beine ergriffen und sich die Geschwindigkeit ihres Herzrhythmus verdoppelt; trotzdem oder gerade deshalb erhält ihr Gehirn nur noch die halbe Menge an Sauerstoff. Auch wenn Tamara weiß, dass in etwa drei Minuten ihre Hände zittern werden, kann sie nichts dagegen tun. Sie ist machtlos.

Genau so machtlos wie damals in New York. Sie musste mit ansehen, wie sich Menschen aus dem Gebäude gegenüber in die Tiefe stürzten. Sie sah, wie ihre brennenden Körper an dem in der Sonne glänzenden Spiegelglas vorbeirasten, um dann mit einem lauten Pong auf dem Asphalt aufzuschlagen. Menschen wie sie, die nur wegen ihres Jobs in diesem Gebäude waren. Sie schmeckte den Staub, roch das Kerosin und das verbrannte Fleisch, hörte die Sirenen, tagelang und auch jetzt. Die Hubschrauber, die nachts durch die schmalen Straßen kreisten, wie in einem 1970er Spionage-Thriller.

Drei Tage lang geisterte Tamara durch die einst so vertrauten Avenues. Unbekannte Gesichter auf Fotografien pflasterten provisorisch aufgestellte Holzwände, Zäune, Straßen, lachten sie an und schienen sie gleichzeitig um Hilfe zu bitten. Nach zwei Tagen mischten sich auch bekannte Namen unter die meterlangen Listen, die an öffentlichen Plätzen aufgehängt waren. Gemeinsam mit Freunden und tausenden New Yorkern schnürte sie Pakete, für alle jene, die ihre Wohnungen verloren hatten, sie erinnerte sich schon ein paar Stunden danach nicht mehr daran, was sie eigentlich eingepackt hatte. Drei Tage dauerte es bis sie weinen konnte. Sie saß auf den Stufen eines Bürogebäudes, um sich von dem langen Fußmarsch mit einem Paket zu der Feuerwehrstation in der 21. Straße auf der Lower East Side auszuruhen. Erst hier forderte das Erlebte seinen Tribut. Eine korpulente Amerikanerin in Polizeiuniform näherte sich und beugte das runde Gesicht zu ihr hinunter. Tamara glaubte zuerst von den Stufen verwiesen zu werden und wollte schon aufstehen. Doch die Polizistin fragte nur „Everything allrigt, sweety?“ In diesem Moment brachen die Türme erneut über Tamara ein. Sie konnte mehrere Stunden nicht aufhören zu weinen. Es fiel ihr bis zum Tag des Abflugs vom JFK Flughafen schwer die Fassung zu behalten.
Das war vor 1141 Tagen.

Mit zitternden Händen schaltet sie das kleine Telefon ab, steht auf, schlüpft in den Tweedmantel und versteckt die leblosen Hände in den Seitentaschen. Ihr Flugticket zeigt, dass ihr Platz sich in den hinteren Reihen befindet.
- Paul hat immer gesagt „Wenn ein Flugzeug abstürzt, dann haben die Leute im hinteren Teil immer die besten Überlebenschancen.“
Sie setzt sich wieder hin.

- Armer Paul. „Ich tue das auch für Dich“, lautet der letzte Satz in ihrem Brief an ihn. Sie hatte schon einmal versucht mit ihm darüber zu sprechen. Leider konnte er ihre Beweggründe nicht verstehen, geschweige denn einordnen. Wie auch – schließlich hatte sie selbst drei Jahre gebraucht, um ihre Veränderung zu begreifen. Ihre anerzogene Lebensplanung war zusammen mit den Säulen des Kapitalismus eingestürzt.
Tamara weiß, was jetzt kommt. Als nächstes wird sie ihr Gehör verraten. Das weiß sie weil ihr Magen sich bereits dreht. Die Schlange vor dem Tunnel, der in den Bauch des Flugzeuges führt wird immer kürzer, die Plastikschalenssitze haben sich geleert.

„Sehr geehrte Fluggäste. Wir bitten jetzt die Passagiere der anderen Sitzreihen sich zum Boarding zu begeben. Vielen Dank.“

Tamara nimmt die Durchsage wahr, als käme sie von einem Lautsprecher aus einem anderen Terminal. Mit der kürzer werdenden Schlange steigt proportional der Druck in ihrem Kopf. Ihre Schläfen pulsieren. Die Angst möchte, dass sie sich übergibt.

- „Die Angst ist etwas Positives“, hat ihre letzte Therapeutin gesagt. „Und zwar aus dem Grund weil sie Ihnen zeigt, dass sie sich in einer Situation befinden, die sie ändern sollten. “

Für einen kurzen Augenblick entspannt sich ihr Körper. Sie tankt so viel Sauerstoff wie es ihr möglich ist. Zwei tuschelnde Flugbegleiterinnen am Eingang des Schlundes blicken in ihre Richtung. Nur noch zwei Passagiere sind zu sehen.

Tamara krallt die abgestorbenen Finger der rechten Hand um den Henkel des Veloursledersäckchens, glättet mit dem Ticket in der linken Hand den Taftrock und erhebt sich langsam von ihrem Platz. Von Schwindel begleitet schleppt sie ihre Füße in Richtung Flugbegleiterinnen, während sie die Lippen zu einem Lächeln verspannt. Die vordere Frau zerreißt unsanft die dicken Papiere und behält das größere Stück. „Einen guten Flug“ schwebt mit ihr in den Rachen des Verbindungsganges. Ferngesteuert setzt sie einen Fuß vor den anderen, abgelöst von ihrem Körper nähert sie sich langsam aber sicher der letzten Station, dem engen Inneren des Flugzeuges. Ihre Gedanken kreisen um ihre Zukunft als Praktikantin einer gemeinnützigen Organisation in Tansania.

Vorsichtig überschreitet Tamara die Ziellinie, den Einstieg in die Boeing 747.
„Ist alles in Ordnung?“ fragt die junge Stewardess als sie Tamaras blasse Gesichtsfarbe bemerkt. Tamara wischt sich die Schweißperlen von der Stirn, lehnt sich mit der Schulter an die Innenwand und atmet tief ein. Der Mittelgang der Maschine liegt unerwartet klar vor ihr und die Geräusche um sie herum wirken nah. Sie entspannt sich, reckt den Nacken und schüttelt die kribbelnden Hände.
Plötzlich kann sie wieder atmen. Ganz klar sieht Tamara die ersten Reihen vor sich, alle besetzt. Sie ist die letzte, die ins Flugzeug kommt.

Tamara schaut die blonde Frau überrascht an „Ja, ich denke schon“. Sie spürt die Tasche in ihrer Hand, schaut zurück in den Flugzeugschlauch, alles klar. Keine dumpfen Geräusche mehr, keine Panikattacke.

Tamara beugt sich zu der Flugbegleiterin: „Entschuldigen Sie bitte die Umstände.” Sie dreht sich selbstsicher auf dem Absatz herum und tritt durch die ovale Tür aus dem Flugzeug heraus, zurück in den Verbindungsgang. Sie lächelt und geht schnellen Schrittes den Schlauch zurück in Richtung Flughafen während sie das Handy ans Ohr hält.
„Ich bin gleich Zuhause, Baby. Ich hatte was zu erledigen, bleib liegen, ich bring Brötchen mit.”

 

 

*Diese Kurzgeschichte entstand 2009, wurde bei einer Lesung in Wien vorgetragen, zwei Mal abgedruckt und mit einem kleinen deutschen Kurzgeschichtenpreis ausgezeichnet.

Bild: Ruth Jefford, 1914 – 2007 Ruth Jefford was the first woman commercial air taxi pilot in Alaska, flying planes in the state for 60 years. Jefford became the first woman licensed to instruct students at Merrill Field.

die schroeder
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