IMG_0442 Kopie
2
Blühender Handel

ARTIKEL aus dem Falter vom 5. Dezember 2012

Eine Reise zu den Fair Trade Baumwollfarmern in der Kalahandi-Region im Osten von Indien. Wie fair ist das „weiße Gold“ und wo in Wien kann man es erstehen?

 

Die Arbeit der letzten 16 Jahre lässt sich auf Blem Shilas Armen ablesen. Kreuz und quer verlaufen Narben, einige sind frisch, andere älter. Die langen Kratzer stammen von den hölzernen Baumwollstöcken, von denen die 35-jährige mehrere Monate im Jahr mit den Fingern die Baumwollbälle heraustrennt. Blem Shila besitzt selbst ein kleines Stück Land mit Baumwolle, die Erträge reichen jedoch nicht aus, um ihre Familie zu ernähren. Daher arbeitet sie, ebenso wie viele andere Frauen aus ihrem Dorf Thimra im Bundestaat Odisha, etwa 50 Kilometer von der Stadt Bhawanipatna entfernt, zusätzlich als Saisonarbeiterin auf den Baumwollfeldern des Farmers Radhakanthosa.

Indien ist nach China der weltgrößte Produzent von Baumwolle, beim Export liegt es an dritter Stelle hinter den USA. Auch wenn Baumwolle in Indien nach wie vor „weißes Gold“ genannt wird, die Einnahmen der Bauern reichen nicht einmal für das Nötigste. Die Baumwollpreise fallen immer wieder in den Keller und die Anbaukosten steigen. Pestizide und Kunstdünger werden von Großunternehmen verkauft, die ihren eigenen Profit im Visier haben. Aus Angst vor Missernten und Schädlingsbefall setzen die Farmer auf die Wirkung der teuren Chemiebomben, die ihnen Turbowachstum der Baumwollsträucher garantieren sollen. So werden etwa 50 Prozent aller Pestizide in Indien auf den Baumwollfeldern eingesetzt, obwohl diese nur 5 Prozent der gesamten Agrarflächen ausmachen.

Zudem müssen die Baumwollbauern ihr Saatgut kaufen. In den 1970er Jahren wurde hybrides Baumwoll-Saatgut (Kreuzungen der besten Pflanzen) in Indien eingeführt. Der Stamm mit den größten Bällen wurde mit dem, der die meisten Wurzeln trug gekreuzt, usw. Derzeit sind 90 bis 95 Prozent des angebauten Saatgutes in Indien GMO Baumwolle (genetically modified organism), die Samen davon kann man nicht für die Aufzucht neuer Stöcke verwenden. Die ökologischen Gefahren sind ein Aspekt, der ökonomische Schaden ein anderer: 25 Prozent ihres Gewinnes müssen die Farmer mittlerweile in das hybride Saatgut investieren. Fallen die Weltpreise für Baumwolle in den Keller oder ist die Ernte schlecht, können sie nicht mehr in die nächste Aufzucht investieren. Sie verlieren ihre Existenzgrundlage.
„In den letzten 16 Jahren haben sich über 260.000 Farmer in Indien umgebracht“, berichtet Kavitha Kuruganti von ASHA, Alliance for Sustainable & Holistic Agriculture, bei einem Gespräch in Bangalore. Um der Schuldenfalle aber auch der Schmach zu entkommen, wählen viele als letzte Instanz den Freitod, indem sie die Pestizide selbst schlucken.

Trotz dieser erschreckenden Zahlen und der fast ausweglos erscheinenden Situation, haben einige indische Bauern wieder Hoffnung geschöpft. In den letzten Jahren hat sich unter ihnen herumgesprochen, dass man auf Dauer mit Bio-Baumwolle mehr Geld verdienen kann. Auch wenn der Markt für Öko-Baumwolle derzeit noch überschaubar aussieht, ist Indien in den letzten Jahren zum größten Produzent von organisch angebauter Baumwolle avanciert.

Auch Farmer Radhakanthosa hat früher auf seinem Feld in der Kalahandi-Region Pestizide eingesetzt. Heute nicht mehr, denn „damals sind alle Ziegen gestorben im Dorf“, berichtet er und zeigt auf die kleine Herde, die im Schatten neben dem Baumwollfeld grast. Daraufhin habe er allen anderen Bauern in der Umgegend erzählt, dass die Pestizide nicht gut seinen. Seit 5 Jahren ist Radhakanthosa in der Chetna Kooperative und baut ausschließlich biologische Baumwolle an.

Ziel der Chetna Organic Farmers Association, die 2004 von ein paar hundert Kleinbauernfamilien gegründet wurde, ist es, durch die Umstellung auf Bio-Anbau den Lebensstandard der Baumwollfarmer nachhaltig zu verbessern. Chetna Organic arbeitet heute mit rund 10.000 Kleinbauernfamilien zusammen, 4.000 davon leben in der Kalahandi-Region. Die Organisation unterstützt die Bauern beim organischen Anbau, etwa durch Schulungen zur Aufzucht und sie übernimmt den Vertrieb. Seit 2005 ist Chetna Organics Fairtrade-zertifiziert, etwa 50 Prozent der von Chetna verkauften Baumwolle ist mit dem Fair Trade Gütesiegel ausgezeichnet (varriiert je nach Nachfrage, Anm. der Redaktion). Ab dem nächsten Jahr hofft man auf eine steigende Nachfrage, da Baumwolle mit dem Fairtrade Gütesiegel dann auch in Indien verkauft wird.


Eines der wichtigsten Projekte derzeit ist das Saatgut wieder in die Hände der Bauern zu geben. „ Die Hybridsamen sind schwer herzustellen, man muss sie selbst züchten“, erklärt Ramprasad Sana, Program Officer von Chetna Organic bei holpernder Jeepfahrt über unasphaltierte Straßen zum Dorf Kumkal. „ Es laufen schon kleine Tests auf ein paar Farmen. Wenn dass Feedback gut ist, dann können die Bauern im nächsten Jahr ihre eigenen Samen anbauen. Das wäre ein großer Schritt in Richtung Selbstbestimmung.“

Die Bauern aus dem Dorf Kumkal, ebenfalls in der Kalahandi-Region, bauen ihre Baumwolle auch organisch an, allerdings weil sie sich Pestizide nicht leisten können. Sechs der Farmer sind Fairtrade-zertifiziert, sie haben bei der letzten Ernte 4.150 Rupien für einen Zentner Baumwolle erhalten. Die Nicht-Fair-Trade-Bauern (aus demselben Dorf) haben nur 3.500 Rupien für dieselbe Menge bekommen. Sie sind nun auch in das Fairtrade System eingestiegen. Der größte Ansporn für die Farmer sich Fairtrade-zertifizieren zu lassen ist jedoch der so genannte Fairtrade-Mindestpreis. Dieser fungiert wie ein Sicherheitsnetz nach unten. Fällt der Welt-Baumwollpreis unter den Mindestpreis, wird dieser dennoch ausbezahlt. Liegt der Marktpreis über dem des Mindestpreises, muss dieser trotzdem vom Händler an die Produzenten­gruppe ausbezahlt werden. Zudem erhalten die Genossenschafts–verbände (Kooperativen) von Fair Trade eine Prämie, derzeit in der Höhe von 0,05 Euro pro Kilo, sowie einen Bio-Aufschlag. Über die Verwendung der Prämien wird gemeinschaftlich entschieden. Im Dorf Thimra wurde davon eine Reis- sowie eine Linsenmühle für die Verarbeitung der eigenen Nahrung finanziert, ebenso eine Lagerhalle und ein Versammlungsraum für Schulungen. Die Prämien werden auch in soziale Einrichtungen wie etwa Krankenhäuser, Schulen oder den Straßenbau investiert. Im Notfall kann die Fairtrade Prämie aber auch an die einzelnen Farmer ausbezahlt werden.

Neben Umweltrichtlinien, die in den Produktionsanforderungen von Fair Trade festgehalten sind, legen die Kooperativen auch ein großes Augenmerk auf die Arbeitsbedingungen: Arbeitszeiten müssen geregelt sein, Mittagspausen eingehalten werden, Ausbeutung und Kinderarbeit sind verboten, es gibt ein Recht auf Versammlungsfreiheit und ein Diskriminierungsverbot.

Saisonarbeiter wie Blem Shila, die auf den Feldern der Fairtrade-Farmer arbeiten, profitieren zwar von diesen Regelungen, jedoch nicht von den finanziellen Verbesserungen. Sie bekommen 100 Rupien am Tag, umgerechnet etwa 1,39 Euro. Dieser niedrige Lohn reicht nicht zum Leben aus, daher gehen viele auf der Suche nach besseren Jobs in die großen Städte. Die jungen Frauen arbeiten meist in den Textilfabriken, in denen bis zu 50.000 Menschen beschäftigt sind. In Bangalore, der drittgrößten Stadt Indiens gibt es mittlerweile rund 1,5 Millionen Arbeiterinnen. „Die Frauen arbeiten meist ohne Vertrag“, erklärt Laura Ceresna von Chaturvedi von Cividep-India, eine NGO, die sich für die Rechte der Arbeiter einsetzt. „Die Textilproduzenten üben enormen Druck aus, indem sie die zu produzierenden Stückzahlen immer weiter rauf setzen.“ Wird die Stückzahl nicht geschafft, muss die Arbeiterin bleiben, bis die Arbeit erledigt ist. „So fallen viele unbezahlte Überstunden an. Zudem gibt es viele sexuelle Übergriffe, denen die Frauen schutzlos ausgeliefert sind.“ Zudem sind Sicherheitsvorkehrungen in diesen Fariken, die meist für ausländische Auftraggeber aus Europa oder den USA arbeiten, miserabel. KIK, C&A oder Tchibo sind nur einige Namen unter den Global Playern, die in Ländern wie Indien, Pakistan oder Bangladesh produzieren lassen. Unfälle und Brände, wie jener vor wenigen Tagen in einer Textilfabrik in Dhaka in Bangladesh, bei dem 112 Arbeiter starben und 200 verletzt wurden, gibt es auch in Indien immer wieder. Da die Textilfirmen jedoch immer für viele verschiedene Kunden arbeiten, ist es jedoch oft sehr schwer, die komplette Produktionskette der Textilriesen nachzuvollziehen.

 

„Nicht für die EZA“, sagt Andrea Reitinger, Pressesprecherin der größten und ältesten Importorganisation Österreichs, die den fairen Handel unterstützt. „Wir haben einen direkten Kontakt zu all unseren Produzenten, auch zu denen in Indien.“ Die EZA Fairer Handel wurde 1975 gegründet, heute gehören 90 Weltläden in Österreich zur EZA, unter anderem auch die zwei Weltläden in Wien sowie der im Frühjahr 2011 eröffnete Fashion-Shop Anukoo in der Gumpendorfer Straße. Andrea Reitinger war mit zu Besuch in Indien. „Ich wollte mir selbst ein Bild machen von der Situation vor Ort“, sagt die 51-jährige. „Die Fairtrade-Baumwolle, die wir verarbeiten stammt einerseits von Chetna Organic Farmers Assocciation (und wird bei Rajlakhsmi Cotton Mills in Kolkata, Indien, zu Bekleidung verarbeitet), zum anderen stammt  sie aktuell von Bauern und Bäuerinnen aus Madhya Pradesh, Indien, und wird bei Craft Aid auf Mauritius zu Bekleidung verarbeitet.”

zum Teil von der Organisation Craft Aid.“ Auf dem Label von Anukoo etwa sind alle Produzenten und Organisationen der Baumwolle gut sichtbar aufgeführt. „Transparenz ist uns wichtig. Nicht nur bei der Bekleidung, sondern bei allen unseren Produkten.“

Baumwolle mit dem Fairtrade Gütesiegel gibt es seit 2008 in Östterreich. Heuer wurde ein Umsatzplus von 30 Prozent zum Vorjahr erreicht, dennoch gibt es bisher noch recht wenige Lizenpartner in Österreich. In Wien bezieht neben der EZA mit Anukoo noch die „Göttin des Glücks“ die indische, organische Fairtrade Baumwolle. Starke österreichische Partner sind Vossen, die vor allem die afrikanische Baumwolle bei Handtüchern, Bademänteln und Duschmatten einsetzen und Betten Reiter mit Vorhängen und Bettbezügen. Zudem gibt es internationale Fairtrade-Lizenpartner, die auch Österreich beliefern wie etwa Adler Moden, Schiesser, Monsoon Accessorize oder auch Jack & Jones. Hier handelt es sich jedoch meist um Teile oder Einzelstücke in Kollektionen.

Auf die Frage, was der Endkonsument tun kann, um den Einsatz von fairer Baumwolle im Einzelhandel positiv zu beeinflussen antwortet Fairtrade-Austria Geschäftsführer Hartwig Kirner: „Fragen, fragen, fragen! Man sollte immer fragen, woher die Baumwolle stammt, zumindest wenn es nicht deutlich ausgezeichnet ist. Nicht locker lassen, nerven, bis man eine Erklärung hat.“
Sich nur auf den Kauf von Fairtrade-Produkten zu beschränken ist derzeit noch eine Herausforderung, die man aber zum Beispiel heuer zu Weihnachten einmal in Angriff nehmen kann. „Zur Auswahl stehen etwa Heimtextilien von Vossen, modische Accessoires von Anukoo, Süßigkeiten mit Fairtrade Schokoloade, ein schicker Schlafanzug von Schiesser und noch viele mehr. So erhält das Fest der Liebe gleich einen Doppelsinn“, sagt Kirner.

 

“Fairtrade macht Sinn,” meint Andrea Reitinger. “Die organisierten Bio-Bauern und -bäuerinnen werden  als AkteurInnen in der Herstellungskette gestärkt. Sie werden sichtbar. Der Fairtrade Mindestpreis und die Prämien geben eine gewisse finanzielle Sicherheit, die andere Systeme nicht bieten. Natürlich gibt es auch hier noch Raum zur Weiterentwicklung  – etwa bei der Berücksichtigung der SaisonarbeiterInnen. Was für mich den Fairen Handel auszeichnet, ist, dass er eine langfristige Perspektive verfolgt. Er hat auch die Zukunft der nächsten Generation im Blick.”

Blem Shila weiß nichts über Fair Trade. Es wird ihr jedoch vor Ort auf unseren Wunsch hin erklärt. Sie hört zu und lächelt freundlich. Auf die Frage, was sie sich für die Zukunft ihre Kinder, zwei Mädchen und zwei Buben, wünscht, antwortet sie: „Etwas Besseres. Sie möchte nicht, dass ihre Kinder später einmal auf den Baumwollfeldern arbeiten müssen.“

 

INFOS über die Organisationen:

Fair Trade: www.fairtrade.at

Chetna Organics: www.chetnaorganic.org.in

ASHA, Alliance for Sustainable and Hollistic Agriculture: www.indiagminfo.org

Cividep-India, Workers Rights and Corporate Accountability: www.cividep.org

 

Tipps für Verbraucher:

Produktdatenbank von Fairtrade: www.fairtrade.at/produkte/produktsuche/

Hier kann man gezielt nach Produktkategorie (Baumwollprodukte, Rosen, Kaffee etc.), Hersteller und Verkaufsstelle in Österreich suchen

Clean Clothes Kampagne Österreich (CCK)

Infos über Arbeitsbedingungen, Markenfirmen, Arbeitsbedingungen und Gesetze, www.cleanclothes.at

 

Eindrücke von der Reise:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

SHOPS in WIEN & ÖSTEREICH:

Fairtrade Baumwolle (aus Indien & Afrika) in Wien:

EZA Fairer Handel
im Ersten: Weltladen, Lichtensteg 1, 1010 Wien, Tel: 01-5352886, Email: weltladen.1010wien@eza.cc
Im Achten: Weltladen, Lerchenfelder Straße 18-24, 1080 Wien, Tel: 01-4083996, Email: weltladen.1080wien@eza.cc

Öffnungszeiten: Mo – Fr 10.00 – 18.30 Uhr, Sa 10.00 – 17.00 Uhr, Weitere Shops unter www.eza.cc

Anukoo Wien, Faire Designer-Fashion im Anukoo Shop, Gumpendorfer Str. 28, 1060 Wien, www.anukoo.com, Tel. 01-58 11 343, shop@anukoo.com, Öffnungszeiten: Mo-Fr 11-18:30 Uhr, Sa 10-17 Uhr, Anukoo gibt es aber auch in den Weltläden sowie in ausgewählten Boutiquen, Shopfinder auf www.eza.cc/anukoo/shopfinder

Göttin des Glücks
Shop 1: Operngasse 32, 1040 Wien, Tel: 0676-3587415,
Öffnungszeiten: Mi–Fr 11–18h, Sa 10–16h
Partnershop: Das Studio, Kirchengasse 17, 1070 Wien, Di–Fr 12–19h, Sa 11–17h, Unter www.goettindesgluecks.com/produktion gibt es einen Reisebericht zu Indien und dem Anbau der verwendeten Baumwolle

Vossen, Die FAIRTRADE-zertifizierte Baumwolle für Vossen stammt aus dem afrikanischen Mali, unter anderem von der Baumwollkooperative UC-CPC Sébékoro. Insgesamt sind über 3.000 Kleinbauern Mitglied dieser Kooperative. Produziert wird in Jennersdorf inmitten eines Naturparks unter Einhaltung strengster Umweltauflagen produziert.

Vossen gibt es unter anderem bei Betten Reiter, Reiter Betten & Vorhänge GmbH, Mariahilferstraße 38-40 , 1070 Wien, Tel.: 0732-6799 76 20, bei Leiner, Mariahilferstraße 18, 1070 Wien, Tel.: 01-52153

Schiesser & Vossen Shop, Landstraßer Hauptstr 98, 1030 Wien, Tel.: 01-7123246, Weitere Schiesser Shops und Onlineshop unter www.schriesser.com

Adler Moden in Wien: Textil Adler, Gonzagagasse 10, 1010 Wien, Tel.: 01-5332122, Shopfinder & Onlineshop auf www.adlermode.com

 

die schroeder
Website
2 Comments
  1. Danke für den interessanten Bericht

  2. Danke für den Bericht. EZA Produkte finde ich großartig, sie sind leistbar, köstlich und total schön illustriert, kann ich nur empfehlen. Im textilienbereich finde ich das noch sehr schwierig, einzukaufen, ästhetisch vor Allem, es ist oft sehr “basic” oder “esoterisch” angehaucht, aber das wird sich möglicherweise ändern.

    Schöne Bilder dabei.

    Lia

Your Name Email Website


9 − five =