profil nr. 34 serie: zukunft der arbeit
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Into the future

Wege oder Irrwege in den Sozialstaat von Übermorgen? Was sich die junge Generation wünscht, wo sie nicht mehr hofft und welche Prognosen es gibt. Angelehnt an das diesjährige Thema des Europäischen Forum Alpbach: „Erwartungen – Die Zukunft der Jugend“

Text Yvonne Schröder / Philip Pfleger, erschienen im profil No 34, in der Serie: “Die Zukunft der Arbeit”

 

Ob der Disko-Ohrwurm „Into the future“ des Wiener Musikduos Bunny Lake die Denker von Alpbach zu dem diesjährigen Thema inspiriert hat, weiß man nicht. Dass die Mehrheit der österreichischen Jugend lieber in den Clubs zu den Hits der Elektrokombo tanzt, als darüber nachzudenken, wie sie das Sozialsystem der Zukunft finanzieren soll, ist Fakt. Doch wer kann es ihnen verdenken in einem Sozialstaat, in dem alles auf ihren Schultern zu lasten scheint? Dafür treffen sich auch heuer wieder, wie jedes Jahr seit 1945, anerkannte Philosophen, Wissenschaftler, Wirtschaftsexperten, Politiker und Studierende aus der ganzen Welt in dem kleinen Tiroler Bergdorf Alpbach, um das aktuelle gesellschaftliche Thema zu diskutieren; Erwartungen – Die Zukunft der Jugend.
Der Gründer des „Europäischen Forum Alpbach“, der Widerstandskämpfer und Kulturpolitiker Otto Molden, bezeichnete die Zusammenkunft der Denker in der Bergregion als den „anderen Zauberberg“. Denn auch in dem oft als Bildungsbuch bezeichneten Literaturmeisterwerk „Der Zauberberg“ von Thomas Mann werden die Fragen der Zeit im Hochgebirge, weit über den Dingen, die sich im Tal abspielen, diskutiert. Der junge Hans Castorp reist für einen Besuch in das Sanatorium in der Schweizer Bergwelt, wo er auf unterschiedlichste Persönlichkeiten und Mentoren, die ihn zum ersten Mal in seinem Leben mit philosophischen, politischen und soziologischen Fragen konfrontieren, trifft. Bis dato dachte der junge Castorp seine Zukunft wäre solide organisiert und vorhersehbar, doch auf dem Zauberberg wird ihm klar, dass seine Vorstellungen der Realität nicht standhalten werden. Ebenso wie seine Erwartungen, werden auch heuer die Erwartungen der jungen Generation an ihre Zukunft den Trends und Prognosen in Europa bis zum Jahr 2040 gegenübergestellt.

Große Erwartungen

Im Vorfeld des Europäischen Forum Alpbach hielt Reinhold Popp, Leiter des Zentrums für Zukunftsstudien der FH Salzburg, eine Diskussionsveranstaltung zu dem Thema „Die Erwartungen der Jugend“ ab und erhielt viele eindeutige Aussagen. „Nach allem, was man aus aktuellen Studien weiß, haben die Jugendlichen keine speziellen Wünsche bezüglich Karriere. Aber sie schauen optimistisch in die Zukunft,“ sagt Popp. „In den letzten 10 bis 15 Jahren gab es eine ‘Renaissance der Familie’, während beispielsweise in den 1970ern noch die Selbstverwirklichung im Vordergrund stand. Heute geht es eher um Fragen wie: ‘Wie komme ich einen Job rein?’ oder ‘Will ich den Job mein ganzes Leben lang machen oder wechsle ich irgendwann vielleicht sogar das Berufsfeld?’“

Das zeigt sich auch in den Befragungsergebnissen einer bis dato noch nicht veröffentlichten Studie des Zentrums für Zukunftsstudien-Salzburg und der BAT-Stiftung für Zukunftsfrage-Hamburg zu den Themen Lebensqualität und Generationenkonflikt. Eine wichtige Erkenntnis daraus ist, von je 100 befragten Österreichern 96 die Gesundheit als den wichtigsten Aspekt für eine gute Lebensqualtät nennen. Auch bei der Frage, was der wohl wichtigste Faktor für Glück und Zufriedenheit ist, landete die Gesundheit unangefochten an erster Stelle. Dicht gefolgt von Freundschaften (87) und Partnerschaft (86), Familie und Kinder (86), dann Natur (78), Freizeit (73), und erst dann Beruf und Arbeit (67) und Geld (58).

Auch die Jugend-Wertestudie 2011, durchgeführt vom Institut für Jugenkulturforschung im Auftrag der Arbeiterkammer Wien zeigt, dass die Grundhaltung der jungen Österreicher zwischen 14 und 29 Jahre als eine Art pragmatischer Individualismus bezeichnet werden kann. Gesellschaftliche Utopien sind für sie eher nebensächlich, auch der Wunsch die Gesellschaft zu verändern ist in den Hintergrund getreten. Sie passen sich den gegebenen Verhältnissen an und arrangieren sich bestmöglich. Der Beruf hat für die neue Generation vor allem einen pragmatischen Zweck zu erfüllen, Selbstverwirklichung in der Arbeit scheint bei der Mehrzahl in den Hintergrund getreten zu sein. Das aufkommende, neue Lebensmodell, nämlich dass Gesundheit, Familie und Freunde immer mehr in den Vordergrund treten, und die Arbeit mehr oder weniger den Zweck des Versorgens erfüllt, scheint logisch, wenn man genau betrachtet, wie viel Zeit eigentlich in den Broterwerb fließt. Die heutzutage im Beruf verbrachte Zeit beträgt bei einer durchgehenden Vollzeit-Arbeit im gesamten Leben rund 73.000 Stunden, das sind 11 Prozent der Lebenszeit (Quelle Zukunftsstudie Salzburg/Hamburg). Auch wenn die Lebensarbeitszeit durch die Erhöhung des Rentenalters leicht ansteigt, wird sich diese durch die erhöhte Lebenserwartung (bei Männern laut Statistik Austria 81 Jahre, bei Frauen 86 Jahre) nicht die 11 Prozent Marke überschreiten. Sicherlich wird der Arbeitsbereich subjektiv als höher empfunden, was letztlich aber nur daran liegt, dass in diesem Zehntel der Lebenszeit die komplette finanzielle Wertschöpfung für die restlichen 9 Zehntel erarbeitet werden muss. Abgesehen davon sind gerade im letzten Jahrzehnt die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit der oben genannten Lebensbereiche wie etwa Gesundheit, Familie, Freunde etc. erschwert worden, die Arbeitswelt wird zunehmend psychisch belastender und reicht immer mehr in die anderen Lebensbereiche hinein. Laut Zukunftsstudie glauben aber dennoch rund 31 Prozent der befragten Österreicher daran, dass sich die Bedingungen für die Vereinbarkeit der einzelnen Lebensbereiche in der Zukunft verbessern werden.

Realistische Ängste

Erstaunlich optimistisch ist vor allem auch das Ergebnis der Zukunftsstudie, das zeigt, dass die junge Generation trotz steigender Steuern und Verantwortung nicht das Gefühl hat, dass sie die Älteren mitfinanzieren muss. Die Befragungsergebnisse (sowohl in Deutschland als auch in Österreich) sprechen eindeutig gegen eine Horrorvision eines gesellschaftlichen Konflikts zwischen Jungen und Alten. Nur 12 Prozent der Österreicher stimmten der Aussage zu, dass die Alten auf Kosten der Jungen leben. Offensichtlich rechnen die meisten Menschen fest damit, dass sich die Senioren der Zukunft ähnlich stark wie heute an der Mitfinanzierung der Lebenskosten ihrer Kinder und Enkel beteiligen.

Dennoch glaubt die große Mehrheit der Befragten auch daran, dass die junge Generation es in Zukunft viel schwieriger hat, ebenso abgesichert und im Wohlstand zu leben wie die heutige Elterngeneration heute noch. Zukunftsängste machen sich, auch wenn man eher an eigenen optimistischen Zukunftsaussichten festhält (Jugendwertestudie 2011), dennoch auch bei den jungen Erwachsenen breit. Rodaina El Batnigi, Vorsitzende der Österreichischen Bundesjugenvertretung (BJV), die heuer in Alpbach unter anderem an der Diskussion „Die Jugend und ihre Erwartungen“ teilnehmen wird führt dies auf die derzeitige Arbeitssituation für die junge Generation zurück. „Ein Grund für Zukunftsängste bei Jugendlichen ist die aktuelle prekäre Bezahlung“, sagt die BJV-Vorsitzende. „Viele junge Erwachsene arbeiten in Teilzeitplätzen oder als schlecht bezahlte Praktikanten.“ Gerade in Teilzeitanstellungen oder auch in der Praktikumszeit werden viele Überstunden verlangt. Für feste und gut bezahlte Jobs wird wiederum oft eine sehr lange Arbeitserfahrung von 10 bis zu 15 Jahren verlangt“, so El Batigni. „Es schwingt immer die Angst mit ‚Bin ich denn qualifiziert genug?’, da die Ansprüche an junge Menschen immer größer werden.“ Zudem seien während der Wirtschaftskrise sehr viele Jobs verloren gegangen, sodass nun auch viele gut ausgebildete junge Menschen sowie Studienabsolventen vor verschlossenen Türen stünden. „Die Jugendlichen wollen zudem auch das Pensionssystem gesichert wissen“, erklärt Rodaina El Batnigi. Private Vorsorge sei für die jungen Menschen in der Zukunft keine Alternative.

Zweideutige Prognosen

Für Christian Keuschnigg, Professor für Nationalökonomie und seit 1. Juni 2012 Direktor des Instituts für Höhere Studien in Wien (IHS), steht fest, dass es den Sozialstaat in Österreich immer geben wird, demnach auch noch im Jahr 2040, wie in Alpbach thematisiert. „Wichtigste Voraussetzung dafür ist allerdings, dass das Pensionsantrittsalter in die Höhe geht, da künftige Generationen länger leben und fitter sein werden“, erklärt Keuschnigg, der bei den Wirtschaftsgesprächen in Alpbach ebenfalls zu Wort kommen wird. Auch Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung Sozialpolitik und Gesundheit der Wirtschaftskammer Österreich und ebenfalls in Alpbach als Redner geladen, sieht das derzeitige Sozialsystem als sehr hochwertig und gut ausgebaut. Allerdings mit hohen Ausgaben, da die entscheidenden Reformen fehlen. „Wir müssen von diesem frühen Pensionsantrittsalter (derzeit 58 Jahre Anm. der Redaktion) und Frühpensionen wegkommen“, sagt Gleitsmann. „Außerdem sind in Österreich Frauen und Männer in Sachen Pension immer noch nicht gleichgestellt. Und das Pensionsantrittsalter sollte an die Lebenserwartung gekoppelt werden.“

Doch nicht nur die Älteren sollen sich den sich verändernden Umständen anpassen, im Hier und Jetzt sei gerade auch die junge Generation gefordert. Viele Unternehmer etwa kritisieren die mangelnden Qualifikationen und Flexibilität junger Arbeitssuchender. „Viele Jugendliche bringen gewisse Grundfertigkeiten gar nicht mehr mit“, sagt Gleitsmann. „Das beginnt schon damit, dass sie nicht grüßen können. Auch die Mobilität ist oft nicht vorhanden, also der Wille zum Ortswechsel für einen Job fehlt. Viele junge Menschen aus Ostösterreich wollen nicht im Westen arbeiten und umgekehrt.“ Im Gegenzug dazu fehlt es den jungen Erwachsenen laut Jugendwertestudie 2011 an Flexibilität in den Ausbildungsbereichen und deren Rahmenbedingungen. Sie wünschen sich möglichst individuelle Ausbildungen, die Spaß machen und bei denen sie sich nicht allzu früh auf ein bestimmtes Berufsfeld festlegen müssen. Stress und die Dauer der Lehre oder des Jobs spielen dabei kaum eine Rolle für sie.

„Die wichtigste Voraussetzung für Jugendliche ist es heutzutage eine gute Ausbildung zu bekommen, diese abzuschließen und so rasch wie möglich ins Arbeitsleben einzusteigen“, sagt Gleitsmann. „Ich weiß, dass das oft über Schnupperlehren oder Praktika passiert, aber das sind gute Wege, hineinzukommen. Deshalb sollten die Jugendlichen aber auch Druck auf den Staat machen und ihre Zukunftssicherung einfordern.“

Betrachtet man die Ergebnisse zum Generationenvertrag der Zukunftsstudie aus Salzburg und Hamburg, kann man jedoch eher Resignation als Aktion bei der jungen Generation ablesen. „Es wird zwar in nächster Zeit keinen Generationenkrieg geben“, erklärt Reinhold Popp „beunruhigend ist allerdings, dass die Mehrheit der Jugendlichen nicht daran glaubt, eine Existenzsichernde Pension zu bekommen. Das könnte eine sich selbst erfüllende Prophezeiung werden.“

Vor allem jüngere Menschen äußern sich mehrheitlich skeptisch und hoffen nur bedingt auf eine eigene Rente, bzw. Pension. Rund 39 Prozent der Österreicher halten den Generationenvertrag für nicht zukunftsfähig. Letztlich aber auch kein Wunder. Denn „außer den Seniorenverbänden gibt es von der Politik in Sachen Pensionssystem nur Warnungen zu hören“, so Popp. „Demnach wäre in 20 bis 25 Jahren ein Drittel der Bevölkerung in Pension und würde rund um die Armutsgrenze leben. Österreich wäre damit ein Entwicklungsland.“

Laut der Ergebnisse der Zukunftsstudie, die auch in Alpbach diskutiert wird, sind derartige Horrorszenarien nicht besonders realistisch. Dennoch müssen langfristig Umlagesysteme geschaffen werden, um die Existenz der heutigen Jungen in der nachberuflichen Lebensphase zu bilden. Da die Masse der Pensionisten in der Zukunft immer größer wird, wird die private Vorsorge wie Ersparnisse , Lebensversicherungen oder Betriebspensionen für den Einzelnen immer wichtiger, allerdings aber auch im Jahr 2040 nach wie vor ergänzend und nicht einzig sein.

Doch bis dahin tanzt die junge Generation sicher noch das ein oder andere Mal zu den Klängen von Bunny Lake und singt lauthals mit, wenn es im Song „Into the future“ heißt: I Know  – it’s really hard to take. And I know – that you celebrate the fake. But tomorrow is ahead of us…

 

die schroeder
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