72_9_Gloria_gr
0
Keine Angst, Jungs!

Ein Pamphlet auf das B-Innen I

Hätte man Thomas Mann, Arthur Schnitzler oder Siegmund Freud gefragt, was sie von dem B-Innen I halten, sie hätten garantiert gelacht. Das hätten sie aber auch, wenn man sie gefragt hätte, was sie von Präsidentinnen, LKW-Fahrerinnen oder  besser noch: Männern, die Kinder aufziehen, halten. Daher fragen wir sie auch nicht. Können wir auch nicht, sie sind tot.

Mit ihnen gestorben sind übrigens auch antiquierte Argumente wie „die Besinnung auf das weibliche Geschlecht verunstalte die deutsche Sprache“, „im Türkischen gibt es keinen Geschlechterunterschied und dennoch werden Frauen diskriminiert“ oder ganz schlau „das bringt doch gar nichts mit der Sprache anzufangen“. Gegenfrage: Seit wann wird Diskriminierung wegen dem Wunsch nach Ästhetik toleriert? Die ganze Diskussion um das Binnen-I hinkt. Deshalb sollte man sich auch nicht auf irgendwelche Haarspaltereien, wie etwa welches Wort dann und wann grammatikalisch oder klanghaft einfach nicht mehr so schön ist, einlassen. Ebenso wie des öfteren die Frauen ansich wollen wir also doch bitte auch die deutsche Sprache nicht auf Äußerlichkeiten reduzieren. Das wäre zu einfach – im Übrigen bin ich sicher, dass Mann, Schnitzler und Freud das auch nicht wollen würden.

Frauenförderung ist mehr als das B-Innen I, sicher, aber auch nicht weniger. Frauen werden in der deutschen Sprache einfach vergessen und das obwohl sie über fünfzig Prozent der Gesellschaft ausmachen. Es ist egal, ob die neuen Formen irgendwelchen hinterwäldlerischen Schönrednern, die sich ganz plötzlich auf ihr ach so ausgereiftes Sprachempfinden berufen und dabei in jedem dritten Satz das Komma falsch setzen, nicht mehr gefällt. Das hat mit der Idee des B-Innen Is nichts zu tun. Hierbei geht es einzig und alleine um die Gleichstellung der Frau beim Reden und Schreiben . Mit der neuen Sprachregelung sind wir eben alle ein bisschen mehr gefordert und müssen uns der deutschen Sprache wieder einmal annehmen. Zeigen wir also Größe und sehen es als Herausforderung. Immerhin haben wir auch schon etwas gewonnen: Neue Begriffe etwa wie das Wort „Bundeskanzlerin“, das 2005 zum „Wort des Jahres“ gekürt wurde und seitdem auch im Duden zu finden ist (auch wenn das Rechtschreibsystem im Word anzeigt, dass es das Wort nicht erkennt!). Oder aber die neuen „weiblichen Zusatztafeln“ im Straßenverkehr, die seit ein paar Jahren auch Frauen sichtbar machen. „Achtung RadfahrerInnen!“, keine Seltenheit mehr.

Die Zeit bringt Änderungen mit sich, soviel steht fest. Ob man mit ihr geht und sich offen und tolerant mit Neuerungen auseinandersetzt oder ob man sich zurücklehnt und raunzt “Früher was alles besser“, muss jede(r) für sich selbst entscheiden. Das Binnen-I wird sich durchsetzen. Also Jungs, keine Angst! Die männliche Form bleibt ja erhalten. Die wollen wir Euch nicht wegnehmen. Schließlich sind wir Frauen – und keine Männer.

 

Aus gegebenem Anlass. Dedicated to Mira.

Die Feministin der neuen Generation. Lange überfällig gewesen.

http://www.spiegel.de/spiegel/unispiegel/d-86617876.html

 

die schroeder
Website
Your Name Email Website


9 × = thirty six