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Born to drill

Tiger Moms gibt es auch in Österreich. Mein Beitrag dazu aus dem profil, erschienen im Juni 2012: 

Born to drill

Sie sprechen drei Sprachen, spielen selbst komponierte Stücke auf zwei Instrumenten und entspannen dann beim Yoga – Kleinkinder von heute werden für die Wirtschaft von morgen gedrillt. Denn die Eltern wissen: Der Wettlauf um die besten Jobs beginnt bereits in den Windeln.

 

Auf dem Kinderspielplatz Hügelpark, Ecke Stoesselgasse Kupelwiesergasse im 13. Wiener Bezirk wird kaum noch Deutsch gesprochen. Der fünfjährige Valerian erklärt seinem Kindermädchen auf Russisch, dass er noch bleiben will, um mit seinem Spielgefährten Laurence zu Rutschen. Dieser wiederum macht seinen Widerwillen mit einem lauten „No, no!“ in französischen Akzent deutlich, als ihn seine Nanny am Ärmel des kleinen Janker vom Platz zieht.

Die drei bis fünfjährigen Sprösslinge mit den tragenden Namen auf dem elitären Kinderspielplatz in Hiezing plappern wie selbstverständlich in zwei oder drei Sprachen vor sich hin. Eine davon erlernen sie von ihrem Kindermädchen, das von den Eltern aus einem fernen Land weg engagiert wurde, damit der Nachwuchs spielerisch im Kindesalter eine zweite Sprache lernt. Aus welchem Land die Nanny stammt, hängt meist von den Ambitionen der Erzeuger ab. Eine erfolgreiche Laufbahn im Wirtschaftsbereich erfordert heutzutage etwa gute Chinesisch-
kenntnisse. Aus diesem Grund sieht man etwa auf Spielplätzen der Upper East Side in New York nur mehr junge Chinesinnen, die sich mit den Wirtschaftsbossen der Zukunft im Sand herumplagen. Bei uns in Österreich ist etwa eine Ostsprache wie Russisch oder Tschechisch für eine Karriere im CEE Raum von Vorteil. Französisch oder Italienisch sind eher aus nostalgischen Gründen beliebt oder wenn man die Kinder wegen der Berufserfahrung nicht so weit weg, sondern eher im näher gelegene Ausland sehen möchte.

Nicht zu vergessen Englisch. Um die Weltsprache Nummer 1 zu erlernen wird jedoch kein Nativespeaker-Aufpasser benötigt, Englisch erlernen die Kinder ehrgeiziger Eltern bereits im Babyalter. „Babys Best Start“, kurz BBS, lautet der Name des Kurses des Österreichischen Franchise Verbands von Helen Doron Early English, an dem Kinder bereits ab drei Monaten teilnehmen können. In dem Starter-Kurs sitzen die Mütter mit ihren Babys im Kreis, man singt gemeinsam Lieder, macht Reime und spricht Englisch. Dazu bekommt jede Mutter eine CD für ihr Kind mit nach Hause, die täglich zwei Mal gehört werden sollte.

„Ich werde immer wieder gefragt warum man die Kinder so früh in einen Englischkurs gibt“, sagt Monika Laschkalnig, Leiterin von Helen Doron in Österreich. „Ich entgegne dann ‚Nun, sie reden doch auch mit ihrem Kind, bevor es selbst beginnt zu sprechen’.“ Die Methode Early English, auf welcher der frühkindliche Englischunterricht basiert, wurde von der ehemaligen Englischlehrerein aus Großbritannien Helen Doron entwickelt und wird seit 1985 weltweit in nach ihr benannten Instituten angeboten. In Österreich gibt es mittlerweile 10 Learning Centers mit 180 Lehrerinnen und Lehrern. Der Preis für einen wöchentlichen Einsteigerkurs beträgt 39 Euro monatlich. „Es gibt Studien, die besagen, dass Kinder im Alter von 6 Monaten die eigene Muttersprache erkennen und bis zum 10. Monat alle anderen Sprachen ausschließen“, erklärt Laschkalnig, die darum bemüht ist, dass ihre Kinder dreisprachig mit Polnisch, Deutsch und Englisch aufwachsen. „Durch die Helen Doron Methode wachsen die Kinder mit Englisch als zweiter Muttersprache auf, also bilingual.“ Laut den Erfahrungen der Eltern, deren Kinder die Kurse von Kleinauf belegt hatten, waren diese Kinder dann in der Volksschule auch gleich die Besten im Englischunterricht.

Auch Amelie, die heute 7-jährige Schülerin ist gut im Englisch-Unterricht. Allerdings bezweifelt ihre Mutter Margit aus Hütteldorf, dass ihre Tochter das dem Helen Doron-Kurs zu verdanken hat. „Ich war ein wenig enttäuscht, da ich dachte, die Lehrerinnen seien dort alle Native Speaker. Dem war aber nicht so, auch wenn sie eine gute Aussprache hatten“, erklärt die 39-jährige. „Amelie besuchte mit einem Jahr den Englischkurs für Kleinkinder. Wir saßen im Kreis mit den anderen Kindern und haben gesungen. Also die Mütter sangen und redeten, die Kinder waren eher uninteressiert, tatschten das herumliegende Spielzeug an. Einige Babys schliefen auch den ganzen Kurs durch. Alles in allem hatte ich nicht den Eindruck, dass die Kleinkinder wirklich interessiert waren. Es war eher so wie eine Beschäftigungstheorie für gelangweilte Mütter.“

Wirklichen Spaß hatte Amelie hingegen beim Musizieren. Mit 9 Monaten besuchte Margit mit ihr die Yamaha Music Academy. Auch dort saß man im Kreis und sang gemeinsam, um spielerisch den Zugang zu Musik zu finden. „Hier habe ich aber sofort gemerkt, dass das meinem Kind Spaß macht“, sagt Margit. „In der Mitte des Kreises lagen Instrumente wie Triangeln oder Trommeln, die die Kinder in die Hand nehmen und ausprobieren konnten. Und die CDs zum Mitsingen und Musizieren für Zuhause, die man dort kaufen konnte, hat sie oft gehört.“ Die Kurse zur Musikalisierung von Kleinkindern in der YAMAHA Academy Of Music im 10. Wiener Bezirk sind so beliebt, dass sich bereits werdende Mütter, also schwangere Frauen, für einen Platz bewerben. Der erste Kurs, den man belegen kann heißt „Robbie“ und richtet sich an 4-18 Monate alte Babys (in Begleitung der Eltern). Hier wird Musik gehört, gekrabbelt, Instrumente angefasst und auch geschlafen. Ab 18 Monaten bis 4 Jahre steht dann im Kurs „Krabbelkinder mit Musik“ eben das Krabbeln zur Musik aber auch das erste Musizieren auf dem Plan. Bei diesem Kurs sind auch „Quereinsteiger“, also Mütter mit Babys, die vorher noch kein Instrument in der Hand hatten, willkommen. Ab 4 Jahren können die Kleinkinder dann ein Instrument erlernen. Ab 6 Jahren kommt für „Auserwählte“, also jene, denen die Lehrer der Schule ein besonderes Talent zugestehen, das Fach „Komponieren“ hinzu. Berichten der Eltern zufolge sind die Kleinen ganz enttäuscht, wenn sie nicht für den Kurs ausgewählt werden. Denn die Glücklichen, also die Talentierten, dürfen ihre eigene Komposition dann bei einem europaweiten Abschlusskonzert vortragen.

„Abschlusskonzerte gibt es auch in der Academy in Wien“, erklärt Margit. „Daran nehmen auch bereits die Babys teil.“ Allerdings sei das ein wenig skurril. Denn eigentlich würden nur die stolzen Mütter mit den Babys auf den Arm im Kreis zur Musik auf der Bühne tanzen. „In erster Linie sollte man darauf achten, dass es dem Kind Spaß macht an solchen Kursen teilzunehmen und nicht nur weil man sagen will „Mein Kind komponiert schon mit 6“, so Margit. „Amelie etwa ist immer gerne hingegangen und spielt jetzt auch weiter ein Instrument. Ihre jüngere Schwester Paulina hingegen hat weinend nach einem halben Jahr aufgegeben. Und das war auch Ok.“
Doch ganz so „Ok“ ist es für viele ambitionierte Eltern dann nicht, wenn das Kind sich weigert oder herumzappelt. Daher wird auch schnell schon mal zur Entspannung ein Yoga- oder Pilates-Kurs, die es bereits für 6-monatige gibt, gebucht. Beim Baby-Yoga können sich die Kleinen vom Englischkurs ausruhen, die älteren schöpfen vielleicht wieder kreative Energien für das Komponieren. Ist das Kind jedoch allzu widerspenstig, bzw. kann und will sich gar nicht benehmen, wird es einfach in einem „Benimm- oder Kniggekurs“ eingeschrieben. Ist ja auch wichtig für das Auftreten im späteren Berufsleben oder auch um zu wissen, welche Gabel man beim Businesslunch für die Vorspeise benötigt.

In Wien und Graz werden Benimmkurse für Kinder derzeit nur über Annoncen privat angeboten. In Deutschland hingegen liegen Erziehungskurse gerade im Trend. Bei den „Benimmkids“ in der Nähe von Köln gilt das Motto: „Was das Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ – so der Spruch auf der Startseite von www.benimmkids.de. Benimmkurse für Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahre boomen. Ganz neu im Programm daher: Die Business-Knigge-Vorträge für akademische Nachwuchskräfte.

Kinder auf der Überholspur, diese Bezeichnung wurde von dem amerikanischen Kunstbegriff „Fastrackids“ abgeleitet. In der Upperclass der USA ist das Positionieren der Kleinsten im Rennen um die besten Jobs heute ganz selbstverständlich. Angespornt wird die Konkurrenz höchstwahrscheinlich noch zusätzlich von dem Bestseller der Yale-Professorin Amy Chua „Battle Hymn of a Tiger Mom“, das auch im letzten Jahr bei uns unter dem abgeschwächten Titel „Die Mutter des Erfolgs – wie ich meinen Kindern das siegen beibrachte“ erschienen ist. Ein Satz der Tigermutter lautet etwa: „Kinder wollen nie arbeiten, darum ist es entscheidend, ihren Widerstand zu brechen“. Sie sagt auch, dass westliche Eltern viel zu früh aufgäben und sich dem Kinder-Unwillen beugen würden. Die beiden Töchter der Autorin sind mittlerweile zu Wunderkindern an Klavier und Violine mutiert, doch die Methoden der Tigermutter, wie etwa „drohen die Kuscheltiere zu verbrennen, wenn das Kind nicht folgt“ sind stark umstritten.

Besonders ärgerlich für zu eifrige Mütter und Väter ist es, wenn sich die starke Förderung ins Gegenteil dreht. Nämlich dann, wenn der Nachwuchs aufgrund der zusätzlichen Aufgaben überfordert ist, was wiederum dazu führt, dass die Kinder in der Schule schlechter als ihre Kollegen, die einen normalen Lehrplan befolgen, abschneiden.

„Ich hatte meine Tochter schon mit drei Jahren im Wiener „Lerngarten“ angemeldet“, erzählt Michaela. So wie viele Kinder gut situierter Eltern aus Wien und Umgebung besuchte auch die kleine Petra tagsüber nach der Volksschule den privaten Kinderhort, um Rhetorik, Technologie oder Naturwissenschaften noch vor den anderen Kindern, die „nur“ die Pflichtschule besuchten, zu erlernen. Einer der Kurse hieß „Was will ich und wie komme ich hin?“ und hatte zum Ziel, dass die Sprösslinge ihre Lebensziele in Worte fassen.

„Ich war eigentlich sehr zufrieden mit dem Angebot“, sagt Michaela K. „doch als ich mit meiner Tochter zu Besuch bei einer anderen Freundin und deren Tochter, die an dem Tag Geburtstag feierte, war, fiel mir etwas auf. Alle Kinder spielten im Garten ganz unbefangen. Die Mädchen rannten von der Schaukel zum Klettergerüst, einige andere spielten Fangen und die Buben hatten sich aus dem nahe gelegenen Wald Äste geholt und spielten Fechten. Nur meine Tochter kam zu mir und meinte „Wie ist denn jetzt der Ablauf, Mama?“ Und mir wurde klar, sie wusste einfach nichts mit sich anzufangen, ohne ihren vorgegebenen Plan.“

Ein Kritikpunkt, den Psychologen – neben der Überforderung – immer wieder anbringen, ist, dass bei Kindern, die permanent gefördert werden, kaum noch Kreativität fließen kann. Sie warten dann ab, was man ihnen aufträgt, das erledigen sie dann gewissenhaft.

Vielleicht einer der Gründe, wieso sich die amerikanischen Konzepte bisher noch nicht wirklich bei uns durchgesetzt haben. Der Wiener „Lerngarten“ etwa, das Konzept zur Frühförderung neben der Schule, musste nach nur einem Jahr wieder schließen. Wegen mangelnder Nachfrage. Tigermutter Amy Chua ist mit ihrer Methode bei ihrer jüngeren Tochter Lulu, die sich plötzlich mit 13 vehement weigerte weitere Anweisungen von ihrer Mutter durchzuführen, „gescheitert“. Auch ihr Buch entstand letztlich nur deshalb, weil sie den jahrelangen Drill, den sie selbst erfahren hatte und den sie ihren Kindern zukommen ließ, auf diese Art und Weise durch das Schreiben verarbeiten wollte.

 

Photo-Illustration by Jim Naughten for TIME

 

die schroeder
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  1. Englischkurse für Kinder. Im Englisch-Lernzentrum können Kinder richtig Englisch lesen, schreiben und sprechen lernen. Unser Team verfügt über hochqualifizierte und erfahrene Muttersprachler. Der Unterricht basiert auf dem englischen Lehrplan.
    In den Gruppen lernen mindestens 4, höchstens 10 Personen. Falls Sie mehr Informationen über uns bekommen möchte stehen wir Ihnen gern zu Verfügung. Rufen Sie uns einfach an. Wir führen den Einstufungstest durch und geben Ihnen auf Grund des Testergebnisses Ratschläge,für welchen von unseren Programmen Ihr Kind am besten geeignet ist, damit Sie Ihr Ziel erreichen.

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