gazelle
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Wendehälse

Flink, schlank, wendig – für besonders geschmeidig agierende Kleinbetriebe wurde nun ein neuer Terminus geprägt: “Gazellen” erschließen globale Märkte flott und präzise. Und verdienen rasch gutes Geld.

Die afrikanische Gazelle gehört zur Gattung der kleingehörnten Antilope. Sie ist schlank gebaut, hat lange Beine und kann sehr schnell laufen. Aufgrund ihrer Schnelligkeit von bis zu 60 km/h aber auch weil sie sehr wendig ist und flinke Haken schlage kann, hat sie kaum natürliche Feinde. Demnach ist sie ein perfektes Vorbild für die Wirtschaft, um schnell wachsende, wendige, schlanke Unternehmen zu beschreiben. Der Begriff der „Gazelle“ ist zwar noch nicht einheitlich definiert und die Einstufungen variieren von Land zu Land. Kategorisierungen wie „Gründungen, die innerhalb der ersten 5 Jahre eine Mitarbeiterzahl von mindestens 20 aufweisen“ oder „Unternehmen, die innerhalb der ersten drei Jahre ein Umsatzwachstum von mindestens 100 Prozent aufweisen“ sind noch nicht allgemeingültig.Vorerst kann man allerdings folgende Kriterien zusammenfassen: Gazellen sind schnell wachsende Klein- und Mittelständige Unternehmen (in Österreich bis zu 250 Mitarbeiter), die ausgehend von einer schlanken Basis (wenig Mitarbeiter und geringes Startkapital) in den ersten Jahren ihres Bestehens ein außergewöhnlich hohes Wachstum in Bezug auf Mitarbeiter als auch auf den Umsatz aufweisen.

Gazellen-Gründer verzichten zudem auf sperrige Strukturen oder zähe Hierarchien. Deshalb können sie schneller auf Trends reagieren. Sie forcieren oft ungewöhnliche Ideen und unkonventionelle Technologien und sind weniger ängstlich als große Unternehmen, schließlich haben sie auch weniger (Kapital) zu verlieren. Wirtschafts-Gazellen sind, im Gegensatz zu ihren tierischen Verwandten jedoch eher selten. Nur etwa 1 bis 3  Prozent der Firmen in Österreich zählen dazu zu den kleinen schnell wachsenden Unternehmen. Zudem ist das oft sehr schnell ansteigende Wachstum meist nur temporär. Dennoch: Besonders im High-tech und Internet Markt gibt es in den letzten Jahren viele solcher schnell wachsenden Firmen, die als wichtige Träger der zukünftigen Wirtschaft agieren. Laut einer Wifo-Studie, die im Auftrag der Förderbank Austria Wirtschaftsservice (aws) erstellt wurde, sind von allen in einem Jahr gegründeten Unternehmen 3 bis 5 Prozent der am schnellsten wachsenden Betriebe nach 5 Jahren für 50 bis 80 Prozent aller neu geschaffenen Jobs verantwortlich.

Der langfristige Erfolg einer Gazelle liegt laut Untersuchungen der Wirtschaftskammer darin begründet, ob und wie schnell die Firma in den internationalen Markt eintritt. Deshalb wurde eine „Gazellenförderung“ ins Leben gerufen, die im internationalen Austausch hilft. Derart sollen junge, innovative Unternehmen mit einer Technologieförderung unterstützt werden: http://www.go-international.at/

4 Gazellen aus Österreich:

 

Himmelsstürmer
Celum, www.celum.com

Das Wort celum leitet sich von dem lateinischen Wort ‚caelum’ für ‚Himmel’ ab“, erklärt Micheal Johann Kräftner, CEO des 1999 gegründeten Unternehmens für Digital Asset Management. „Celum steht aber auch für den ständigen Wunsch alles, was wir tun noch besser zu machen.“ Das scheint dem gebürtigen Oberösterreicher und seinem Team auch zu gelingen. Mit einem jährlichen Wachstum von jährlich rund 50 Prozent gehört celum nicht nur zur Gattung der Gazellen, sondern zählt mit knapp 100 Mitarbeitern auch mittlerweile zu einem der größten Softwareunter-nehmen des Landes.
1999 gründete Kräftner gemeinsam mit einem Studienkollegen die Firma „Werk 3“, der sperrige Name wurde aufgrund des schnellen internationalen Erfolgs bald in „celum“ geändert. „Zu Beginn waren wir eine kleine Firma, die Software von anderen Firmen implementierte“, erklärt der 33-jährige CEO. „Wir waren reine Dienstleister, eine Werkstätte für Individualsoftware wie viele IT-Unternehmen.“ Doch Kräftner und sein Team, das bereits nach 4 Jahren auf 15 Mitarbeiter angewachsen war, gingen einen Schritt weiter und investierten den ersten größeren Gewinn in die Entwicklung eines eigenen Produktes: „celum imagine“, nach dem Beatles-Song benannt. „Wenn wir BMW wären, dann wäre „imagine“ unser 5er Modell. Mittlerweile gibt es aber auch einen 3er und einen 7er“, beschreibt Kräftner, der Medientechnik & Design an der FH Hagenberg studiert hat, das Angebot. Mit dieser Software können Unternehmen aus allen unterschiedlichen Branchen komplexe Inhalte wie etwa Bilder, Videos, Powerpoint-Präsentationen oder auch Art-Work verwalten. „Wir stellen praktisch einen Server zur Verfügung, der es leicht machen, sensible sowie komplexe Dateien ganz einfach unter Kontrolle zu halten.“

2004, gleich nach Fertigstellung der eigenen Software, die in vielerlei Hinsicht anderen voraus ist und auch noch im Vergleich recht günstig, konnte celum 3 große österreichische Kunden gewinnen. „Richtig abgehoben haben wir dann aber erst 2008“, so Kräftner, der heute alleiniger CEO ist. Schnell folgten Kunden aus den Nachbarländern Deutschland und Schweiz, später dann auch Frankreich und Nordamerika. Heute zählen fast 600 Firmen und Organisationen aus 31 Ländern zu den Anwendern der in Österreich konzipierten und entwickelten Software. Die Liste der celum-Anwender liest sich wie das „Who is Who“ der Shops, die man in illustren Einkaufsstraßen findet. Swarovski, L’Oréal, Silhouette, Clarins, Gap – aber auch Volkswagen, Toyota oder Specialized Bicycles und Organisationen wie die US Army gehören zu den Kunden der Himmelsstürmer. Gegründet wurde „celum“ in Linz, der Betrieb wird heute von Wien aus gesteuert. Zudem gibt es Zweigstellen in Essen, München, Paris, Rom, Bath und San José. Bis zum Ende des Jahres wird es auch einen Sitz in Chicago geben. „Nach wie vor stecken wir etwa 60 Prozent des Gewinns in die Forschung und Entwicklung neuer Produkte. Denn wir glauben, dass unser Unternehmen einmal eine wichtige Rolle spielen wird, wie Leute auf der ganzen Welt digitale Inhalte teilen, konsumieren und damit interagieren werden.“

 

 

 

Sonnenanbeter

sunnyBAG, www.sunnybag.at

„Nie hatte man genug Saft, und immer dann, wenn man diverse Apps oder Spiele ausprobieren wollte, ist das Handy oder der Laptop leer“, erklärt Stefan Posold, Gründer von sunnyBAG. Dieses Problem ist aber jetzt gelöst. Mit 24 Jahren entwickelte der damalige Technik-Student eine Umhängetasche mit Solarpaneelen. Gemeinsam mit seinem Vater und seinem Bruder, die beide damals in dem familieneigenen Tapezierbetrieb tätig waren, lötete er die erste funktionsfähige Tasche zusammen. Ein Jahr später schrieb Ponsold im Zuge seines Wirtschafts-Studiums im Lehrgang „Innovationsmanagement“ in Graz einen Business-Plan für das Projekt „SunnyBAG“, das er dann auch beim Science Park Graz einreichte, wo man ihm Unterstützung für sein Projekt zusicherte. Am 1. September 2010 gründete der junge Erfinder das Unternehmen „SunnyBAG“. Da die Nachfrage nach den Solartaschen recht schnell stieg, wurden Anfang 2011 zwei Mitarbeiter eingestellt. Drei weitere kamen wenig später hinzu und heute, nur eineinhalb Jahre nach der Gründung sind es 8 helfende Hände im Team. Kunden gibt es mittlerweile nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland, in den USA und in Dubai. „Nächste Woche reisen wir nach Hannover zur weltgrößten Industriemesse“, sagt der Start-up Unternehmer. „Dort werden wir auf einem 50 Quadratmeter Stand unsere neuen Kollektionen präsentieren. Erwartet werden rund 250.000 Besucher, das wird uns sicher noch weitere Interessenten und Partner bescheren.“ Derzeit gibt es die Solartaschen in etwa 50 Shops in Österreich zu erstehen. Die Verkaufszahl für dieses Jahr kann Ponsold noch nicht ganz abschätzen, man geht aber von mindestens 3.000 Stück aus, vielleicht auch bis zu 26.000 Stück. „Alles in allem sind wir sehr gut vom Land Österreich unterstützt worden. Wir haben etwa eine Gazellen-Förderung vom Internationalisierungscenter Steiermark erhalten“, erzählt der Grazer. „Und nun sind wir auch in der „Go Silicon Valley Technologieinitiative“ drin. D.h. wir werden bald nach San Francisco reisen, um dort noch mehr potentielle Kunden zu treffen.“

 

Medizinmänner

Moser Medical, www.haarestattglatze.com

Gazellen-Unternehmen müssen nicht immer jung sein. Aufgrund innovativer Ideen und Technologien oder wenn die Nachfrage zu einem Produkt plötzlich ansteigt, kann eine Firma immer wieder Erfolgsschübe erleben. So etwa wie Moser Medical, der Spezialist für Eigenhaarverpflanzung aus Wien. Das kleine Familien-Unternehmen wurde 1979 von den Zwillingsbrüdern Karl und Werner Moser gemeinsam mit dem Chirurgen Jörg Hugeneck gegründet und zählt heute zu den Top 10 der weltweit führenden Kliniken auf dem Gebiet der Eigenhaarverpflanzung. Von Beginn an machte das junge Team auf sich aufmerksam, indem es sich auf eine damals noch völlig neuartige Methode der ästhetischen Chirurgie spezialisierte: die Eigenhaarverpflanzung. Um die Aufmerksamkeit noch stärker auf sich zu lenken, legten die Newcomer wenige Jahre nach der Gründung eine große Werbekampagne in Österreich und Deutschland an. Mit Erfolg. Vor allem männliche Kunden aus Österreich kamen nach Wien, um sich in der Klinik wegen ihrem Haarsausfall behandeln zu lassen. Schon bald folgten Patienten aus Ungarn und der Schweiz. 1989 wurde die erste Klinik in Bonn eröffnet später folgte noch eine weitere in Augsburg. Mit der ansteigenden Akzeptanz ästhetischer Chirurgie in der Gesellschaft stieg auch das Ansehen und der Umsatz von Moser Medical. Doch nicht nur durch die größer werdende Nachfrage wuchs das Unternehmen. In den 1990er Jahren präsentierten die Moser-Brüder eine eigens entwickelte Methode für Haarverpflanzung auf dem internationalen Haarkongress in Rio de Janeiro. Die so genannte Strip-Methode garantiert den Patienten ein lebenslanges Haarwachstum. 2000 eröffneten sie ein eigenes Forschungslabor in Wien, in dem an innovativen Lösungen gegen Haarausfall geforscht wird.

Das Pionierdenken der beiden Brüder wurde immer wieder mit zahlreichen internationalen Preisen belohnt, darunter auch der „Platinum Follicle Award 2005“ in Sidnay, die höchste Auszeichnung für Eigenhaarchirurgie. 2010 eröffnete ein eigenes Beratungsbüro in Linz, 2011 wurde der medizinische Bereich der Klinik in Wien komplett erneuert. „Das Wachstum unseres Unternehmens war jedoch nie erste Priorität“, erklärt Karl Moser, Gründer und Inhaber vom Moser Medical. „Meinem Zwillingsbruder und mir war es immer wichtig auch persönlich für Qualität zu sorgen – und Verantwortung für unsere Patienten zu übernehmen. Denn die Eigenhaarverpflanzung ist im Leben eines Menschen etwas ganz persönliches und lebenslänglich. Deshalb setze ich als Mediziner alles daran, das medizinisch und ästhetisch beste Ergebnis zu erzielen.“ Die von Moser Medical entwickelte Strip-Technik, die „Moser Methode“ ist mittlerweile Grundlage in der Haarchirurgie. Das Unternehmen hat heute etwa 100 Mitareiter, davon arbeiten 40 in Österreich.

 

 

4. Familienbande
Kununu, www.kununu.com
Der Anfang war alles andere als leicht“, erinnert sich Martin Poreda, 35 Jahre alt und Ideengeber des Internet-Portals kununu. „Wennt’s a Göd wöit’s für Internet – geht’s nach Deutschland“, lautete die Antwort eines österreichischen Bankberaters auf die Frage nach einer Finanzierung und auch die Bemühungen um Förderung waren frustrierend. Also ging Martin Poreda gemeinsam mit seinem vier Jahre jüngeren Bruder und Co-Gründer Mark nach Deutschland, wo man ein Verlagshaus fand, das die erste Anschubfinanzierung leistete.

Das Wort kununu stammt aus der afrikanischen Sprache Suaheli und bedeutet „unbeschriebenes Blatt“. Die Idee zu der Firma mit dem ungewöhnlichen Namen

entstand, als Martin Poreda Anfang 2007 auf ein spannendes Jobangebot stieß. Hintergrundinformationen über das Unternehmen, das die Stelle ausschrieb, gab es jedoch nur in Imagebroschüren oder über der Website. Auch mit Google & Co konnte er weder Angaben zu Lohnnebenleistungen, dem Arbeitgeber-Image des Unternehmens noch Informationen zum Betriebsklima finden. Also entwickelten die beiden Brüder ein Arbeitgeber-Bewertungsportal. „Für mich war klar, dass mit dem Aufkommen der technologischen Möglichkeiten das Bedürfnis zunehmen wird, seine persönlichen Eindrücke öffentlich mitzuteilen und das Internet für eine Meinungsbildung zu nutzen“, erklärt Martin Poreda. „Abseits von Social Media stand für uns jedoch im Vordergrund Mitarbeitern jenen Stellenwert einzuräumen, den sie verdienen. Denn jeder einzelne Arbeitnehmer ist Imagebuilder eines Unternehmens und dementsprechend sollte dessen Meinung mit Wertschätzung und Respekt bedacht werden.”

Am 5. Juni 2007 ging die Unternehmer-Bewertungsplattform online. In nur fünf Jahren wurde kununu zur größten Arbeitgeber-Bewertungsplattform im deutschsprachigen Raum mit mehr als 194.000 Bewertungen von Mitarbeitern (Arbeitnehmer, Lehrlinge, Bewerber, Praktikanten) zu 69.000 Unternehmen. Doch nicht nur Mitarbeiter oder Jobsuchende nutzen das Internet-Portal heute für sich, auch die Unternehmen haben den Mehrwert von kununu für sich erkannt. Großunternehmen wie Allianz, Daimler, Deutsche Telekom und Swiss Life betreiben über kununu Personalmarketing und Recruiting. Zudem kooperert kununu mit Internet-Portalen wie XING, Herold, karriere.at und Jobstairs.

Das Gazellen-Unternehmen wuchs seit 2007 rasant. „Am Anfang freuten wir uns schon über 4 Bewertungen, heute sind es etwa 400 pro Tag“, sagt Martin Poreda.

„Damals waren wir zu fünft, heute sind wir 21 im Team und wir planen in den nächsten 2 Jahren auf 35 anzuwachsen.“ Den Break-Even hat man Anfang 2011 erreicht und schreibt seither schwarze Zahlen. kununu.com ist seit Bestehen das am schnellst wachsende Portal im deutschsprachigen Raum und wird derzeit monatlich von etwa 1 Million Besucher angesurft.

 

 

Dieser Artikel erschien im profil extra KMU, Ausgabe 18/2012

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