Blütenmeer
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Zauberbergzeit

Oder: Eat, Pray, Dog. Und zwar genau in dieser Reihenfolge. Denn gegessen habe ich schon lange nicht mehr so viel – und vor allem noch nie so lange. Wer hätte gedacht, dass man mit einem Stück Schokoladenkuchen fünfzehn Minuten seiner sonst ach’ so kostbaren Zeit verbringen könnte? Ein Aufenthaltsbericht – von Sonntag bis Mittwoch bei den Mönchen im Stift Göttweig

„Doch es gibt nichts, das so unterschiedlich betrachtet werden kann wie die Zeit – als mathematische Einheit, als philosophische Abhandlung oder als Zeiger auf der Uhr”, schrieb ich einst einen Einleitungssatz einer Kolumne in einem Magazin, das ich vor gefühlten hundert Jahren einmal mit herrichten durfte. „Dabei lässt sich Zeit doch gar nicht bestimmen, sie ist relativ. In der Sitzung letzte Woche kamen mir zwanzig Minuten vor wie zwei Stunden – und im letzten Urlaub vergingen drei Tage wie zwei Stunden. Zeit hat mit subjektiver Empfindung zu tun. Das beste Beispiel dafür gibt Thomas Mann in dem Buch Der Zauberberg. Die Hauptfigur des Romans, der junge Hans Castorp, reist aus dem Flachland, wo die Zeit meist durch Ereignisse, Tätigkeiten und Unruhe ausgefüllt ist, nach Davos in ein Bergsanatorium, den Zauberberg, um für drei Wochen lang seinen Vetter zu besuchen. Dieser holt ihn am Bahnhof ab und begrüßt ihn gleich mit den Worten: „Die springen hier um mit der menschlichen Zeit, das glaubst du gar nicht. Drei Wochen hier oben sind wie ein Tag vor ihnen. Das wirst du alles noch lernen, man ändert hier seine Begriffe.“ Obwohl Castorp zu Beginn noch mit Ungeduld gegen die großzügige Zeitwirtschaft im Sanatorium ankämpft, gewöhnt er sich doch recht bald und sehr schnell an die neue Inhaltlosigkeit seiner Zeit: „Gott, ist noch immer der erste Tag? Mir ist schon, als wäre ich schon lange – lange bei euch hier oben.“

Bei der Ankunft im Benediktinerstift Göttweig bei Krems wusste ich noch nicht wirklich, was auf mich zukommt. Ein Auftrag zu einer Geschichte für ein Medium hatte mich hierher geführt – und die Empfehlung einer Freundin, die sich hier einmal nach ein paar turbulenten Tagen ausgeruht hatte.  Auch wenn drei Tage und drei Nächte nicht gerade sehr lange klingt – sprechen wir uns noch einmal, wenn Ihr 3 Tage und Nächte weder Handy, Laptop, Fernseher, Radio oder Mitbewohner gesehen habt. Die erste Nacht verbrachte ich sogar ganz alleine im Exerzitienhaus St. Altmann, in einem kargen aber nicht uncharmenten Zimmer mit Holzbett, Tisch und Stuhl, einem Jesus-Kreuz und einem herrlichen Ausblick zum Nachbarberg – Sonnenauf- und Untergang inklusive.

Um 16 Uhr angekommen war ich die erste Stunde noch mit Umsehen, “Einchecken” und “Auspacken” beschäftigt. Ich zögerte alles so lange hinaus, wie nur möglich. Im Kopf machte ich mir einen Plan – um 18 Uhr horchte ich den Klageliedern der Mönche in der Hauptkirche auf dem Platz mit Brunnen, zu dem ein Weg vom Exerzitienhaus führte. Die melancholischen Gesänge der derzeit 20 Mönche, die im Stift leben, hallten durch das Kirchenschiff bis in die letzten Winkel und wurden dann wieder zu uns Zuhörern in den Holzbänken zurück geworfen. Mit mir hatte sich eine kleine Schar Pilger vom Jacobsweg in der Kirche eingefunden, wir lauschten andächtig den melodischen und wunderschönen Männerstimmen.

Nicht, dass man ein falsches Bild bekommt. Ich war nie katholisch und habe es auch nicht vor zu werden. Die Atmosphäre in der Kirche – und auch später in der kleineren Chorkapelle, hinter dem Hauptschiff, in die ich freundlich von den Mönchen empfangen wurde, erinnerte eher an Momente aus der Gemeinschaftsmeditation, die ich aus der Buddhistischen Schule kenne und machte mich einfach nur friedlich.

Am ersten Abend hielt ich mich noch an meinen Plan – eine halbe Stunde Essen (daraus wurde am nächsten Tag bereits eine Stunde), dann Duschen (15 Minuten), Lesen (eine Stunde) und mit dem Hund Gassi gehen (30 Minuten), danach hatte ich genug Zeit geschunden, um einschlafen zu können.

Am darauffolgenden Tag hatte ich gleich nach dem Frühstück ein Gespräch mit Pater Richard, der mir erklärte, dass auch Benedikt erst in die Einsamkeit ging, um dann wieder in die Gemeinschaft gehen zu können. Er selbst sei vor zehn Jahren in das Stift gekommen, erst in seinem Ruhestand. Danach besichtigte er noch mit mir gemeinsam das Museum, das die größte “Stich”-Sammlung Österreichs beherbergt und ein Deckengemälde, das eigens für Kaiserin Elisabeth angefertigt wurde. Zudem lud er mich zu den Gebeten ein, die jeweils immer um 6 Uhr morgens, 12 Uhr mittags und mit der Vesper um 18 Uhr stattfanden. Um 19.10 Uhr gab es dann das Komplet in der Krypta.

Ich orientierte mich also an dem Tagesplan der Mönche. Die Zeit dazwischen verbrachte ich mit Essen – EAT – und dem DOG – also Gassigehen.

Außer mit dem Pater und ein paar Personen im Speisesaal sprach ich mit niemandem und verbrachte viel Zeit alleine in der Natur. Und langsam fing ich an die Zeit zu vergessen. Am zweiten Abend schon wusste ich nicht mehr, ob es jetzt 19, 20 oder 21 Uhr war.

„Die Zauberbergzeit beginnt Hans Castorp zu gefallen, vor der Arbeitswelt „im Tal“ graust er sich zunehmend. Das Sanatorium wird für ihn zum „Tagedieb par excellence“. Langeweile und Monotonie füllen die Tage, und dennoch vergeht die Zeit wie im Flug. Im Gegensatz zu vorher, als er noch umtriebig seinen beruflichen Zielen nacheiferte, scheint sich die Zeit im Sanatorium jedoch in seiner Langzeiterinnerung zu verflüchtigen. Als seine Tage noch mit Ereignissen und Terminen voll waren, hatte er das Gefühl, keine Zeit zu haben – im Rückblick jedoch war sie intensiver und im Vergleich sogar scheinbar länger als jene Zeit, die er im Sanatorium verbracht hatte. Auf dem Zauberberg scheint sich die Zeit auf lange Sicht gesehen sogar zu verkürzen. Mann beschreibt im Zauberberg ein Phänomen, das die meisten von uns wahrscheinlich nachvollziehen können. Wir empfinden Zeit im Hier und Jetzt, aber auch in der Vergangenheit je nach Inhalt unterschiedlich.”

Am Dienstag Mittag zog es mich auf die Sonnenterrasse des Pilgerrestaurants, auf der sich ein paar größere Mengen Ausflügler um die runden Tische im Sonnenlicht verteilten. Eine von ihnen sah aus wie Madame Chauchat, eine katzenhafte Russin aus dem zitierten Mann-Roman, in die sich Hans Castorp verliebt und die mich auch zu dem Vergleich inspirierte.

Ich suchte zwar die Nähe der Menschen, doch wählte ich noch etwas einsiedlerisch einen Tisch alleine an der Seite. Doch nach zehn Minuten wurde meine Harmonie mit mir selbst unterbrochen. Ein älteres Ehepaar fragte, ob es sich zu mir setzen könne. Ich nickte. “Zwei Mal Kardinalsschnitte” bestellte der Mann ohne seine Frau zu fragen. Zuhause in Wien oder auch ein einem kleinen Dorf in Deutschland hätte ich sicher gezögert mit diesem Paar zu reden, weil man sich ja doch nur erklären muss als “junger Mensch von heute” oder man sich oft mit den verkorksten, noch in den 1930er anerzogenen Naziparolen konfrontiert sieht, doch heute – am dritten Tag meiner Mönchsgebete, die mir in den Ohren klangen und meiner Zeitlosigkeit, fragte ich freundlich, ob man denn auch die Kirche heute besuchen würde. “Na”, also Nein, erklärte der Mann „wir sind grad von der Schallaburg hergewandert” – das sei etwa 7 km entfernt. Ich erfuhr im Gespräch einiges über die Gegend, was es da so alles gibt. Und dass man einen Labrador Hund hätte, der sei größer als meiner. Und man wolle sich das Museum anschauen. Ich genoss das Gespräch und bestellte mir noch einen Kaffee mit Keks, für den ich etwa 10 Minuten brauchte, also den Keks. Das ältere Ehepaar plapperte freundlich weiter und ich gab ein wenig Auskunft über meinen Beruf, warum ich da bin und erzählte einiges über die Mönche und die Gebete.

Warum ist man sonst nur immer so verkrampft und voller Vorurteile, dachte ich, verabschiedete mich, wünschte noch einen schönen Aufenthalt und ging dankbar von dannen. Eine Runde mit dem Wuffi bis zum nächsten Gebetstermin. Als ich durch die Empfangshalle ging, um über die Stiftsgänge zum Exerzitienhaus zu gelangen, begegnete ich den beiden noch einmal. Sie schienen sich verlaufen zu haben. Ich fragte, ob ich helfen könne aber sie verneinten. “Wissen’s“, sagte der Mann zu mir. Da vorne raucht einer von denen da”. Er meinte die Arbeiter, die gerade dabei waren Räume vor der alten Apotheke des Stifts zu renovieren. “Heute stand in der Kronen Zeitung, dass da welche in Wien in der Kirche mit dem Rauchen angefangen hätten.” Ich nickte, konnte ihm aber nicht folgen. “Türken waren des auch.”

Mit dem Bewusstsein, dass die Welt dieselbe geblieben war und nur ich mich verändert hatte hier oben, ging ich zurück zur Chorkapelle. Vielleicht auch ein Grund, wieso mir dann auch wirklich am letzten Tag, am Mittwoch Nachmittag eine kleine Träne bei meiner Abreise über die Wange kullerte. Die Zauberbergzeit war vorüber.

„Doch wenn wir uns dessen bewusst sind, dass unser eigenes Zeitempfinden relativ ist, müssten wir dann nicht eigentlich die Zeit im Griff haben? Sie so auf unser Leben zurechtschneidern können, dass sie sitzt wie ein perfektes Gewand? Das geht schon, dazu müssten wir unsere Zeit nur ein kleines bisschen besser auf unsere Bedürfnisse abstimmen. Ich würde vorschlagen, einfach ab und zu die umtriebige Zeit im Flachland durch kleine Besuche auf dem Zauberberg unterbrechen.”

 

 

Alles zum Stift Göttweig – Preise, Kurse, Exertitienhaus St. Altmann & Jacobsweg und dem hervorragenden Wein, den man dort herstellt unter

www.stiftgoettweig.at

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