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Auf Kuschelkurs

Beengt ist trendy: Minimalarchitekten passen ganze Wohnungen in eine handliche Box oder in ein Kanalrohr. Wegweisende Beispiele kommen auch aus Österreich. Ob es sich dabei um eine neue Form des Postmaterialismus übersättigter Großstädter, ein Ergebnis des Platzmangels in den Megacities handelt oder einfach das bittere Resultat der Finanzkrise ist, sei dahingestellt. Fakt ist, Leben auf engstem Raum ist ein wichtiger Aspekt für das Wohnen in naher Zukunft.

*Dieser Artikel erschien am 24. Oktober 2011 im profil Nr. 43 im extra Wohnen & Design


Ein Hotel für maximal Zwei, idyllisch in der Natur gelegen, eine Metallbox mit allen technischen Schnickschnacks direkt in der Innenstadt und ein kuscheliges Miniaturholzhaus mit Garten in einer traditionellen Reihenhaussiedlung. Was diese Behausungen gemeinsam haben? Sie sind klein. Sehr klein. Geht es nach den Architekten WG3 der TU Graz, reichen zwanzig Quadratmeter Wohnfläche für zwei Personen vollkommen aus. Für den Arbeitsbereich benötigt man nicht mehr als vier Quadratmeter, das haben die Architekturstudenten des Büros „unheilbar“ in Wien bewiesen. Studenten selbst hingegen benötigen nur 7 Quadratmeter Eigenheim, wichtig ist nur, dass dieses zentral gelegen ist. Was bei uns derzeit noch in den Kinderschuhen steckt und sich bisher nur in der Entwicklung von Prototypen und Universitätsprojekten widerspiegelt, ist in den USA bereits ein Verkaufsschlager.

„Willkommen. Treten Sie ein. Mein Name ist Jay Shafer und seit 1997 lebe ich in Häusern, die kleiner sind als der Kleiderschrank vieler anderer Leute“, so die Begrüßung des Gründers der „Small House Society“ auf seiner Website www.tumbleweedhouses.com. Schlafen, Kochen, Arbeiten, Duschen oder Yogaübungen machen – alles kein Problem auf 89 square feet, also rund 8 Quadratmetern. Vielleicht sollte man nicht gleich alle Freunde auf einmal einladen, aber laut den Anhängern der „Tiny Houses“ hat das Leben auf engstem Raum sogar seine Vorteile. Das sagt auch Kent Grisworld, der auf seinem tinyhouse-Blog täglich über sein Leben aber auch das der anderen Tiny-House-Anhänger berichtet. Es scheint fast als hätte sich in Amerika eine neue Kultur entwickelt. Wie einst den Hippies, die in ihren Wohnwagen und Bussen durch das Land zogen und den einfachen Lebensstil propagierten, ist vielen Minihausbewohnern auch das nachhaltige Leben ein Anliegen. Herumreisen kann man übrigens auch mit der engen Hütte. Die Häuser haben Räder und unterlaufen damit praktischerweise auch gesetzliche Regelungen für feststehende Wohnsitze.

„Lebt man in einem Minihaus muss man sich auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist. Der einfache, langsamere Lebensstil, der sich durch das Wohnen in einem Minihaus automatisch ergibt, ist ein Luxus, für den man dankbar sein kann“, erklärt Jay Shafer auf seiner Website. Das muss er aber auch sagen, denn mittlerweile verkauft Shafer jährlich rund 50 der Minihäuser. Die Kosten für ein komplettes Haus liegen zwischen 40.000 und 50.000 Dollar. Baut man die Holzbox selbst auf, zahlt man nur die Hälfte, die Anleitung kommt gratis mit.

Dass es nicht einzig Käufer gibt, die „den einfacheren Lebensstil“ kennenlernen wollen zeigen die Verkaufszahlen, die seit der letzten Immobilienkrise in den USA fast um das dreifache angestiegen sind. Denn für manche US-Amerikaner ist es mittlerweile auch einfach Luxus überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben, egal wie groß.

www.tumbleweedhouses.com

 

 

MINIEIGENHEIM

The Nest
Neben Jay Shafer hat sich auch der Architekt Dennis Fukai aus Florida auf den Bau von Minihäusern spezialisiert. Mit seiner Firma „Insitebuilders“ hat er das mittlerweile bei Großstädtern bekannte „The Nest“ entwickelt. Das Minieigenheim auf hat seit einigen Jahren eine sehr große Fangemeinde und die Nachfrage steigt unaufhaltsam. Das durchdesignte „Nest“ fungiert für die meisten Kunden derzeit als Ferienhaus in der Natur. Die meisten Käufer möchten für sich einmal das Lebensgefühl „Weniger ist mehr“ ausprobieren. FukaiI sagt er verkaufe das Bewusstsein, klein und bescheiden zu sein. Und das muss man auch, also bescheiden sein. Denn der Wohnblock hat einen quadratischen Grundriss mit gerade einmal 2,75 Meter Seitenlänge. Dafür ist es in Größe und Funktion erweiterbar, etwa indem man es mit Modulen erweitert: Wie bei einem Bauklotz-Spiel kann das Grundelement um zusätzliche Einheiten ergänzt werden, etwa einen WC-Block, eine Kochstelle oder eine kleine Terrasse. Der Preis für ein „Nest“ beginnt ab etwa 40.000  Dollar und ist nach oben offen, je nach Ansprüchen. http://insitebuilders.com/

 

STUDENTENBLEIBE

m-ch, micro compact home / München
Temporäres Wohnen in den Städten erlebt eine immer größer werdende Nachfrage. Gerade für Studenten, die für ein Semester eine Unterkunft benötigen oder Berufstätige und Pendler, die nur kurz Zeit vor Ort sein müssen sind kleine, werden kleine, zentral gelegene Unterkünfte. Vor knapp zehn Jahren gab der britische Architekte Richard Horten seinen Studenten an der TU-München die Aufgabe für den Entwurf eines Minihauses in der Stadt. Das Ergebnis war ein 2,65 Meter breiter Wohnwürfel für 1 bis 2 Personen, der alle Anforderungen des alltäglichen Lebens erfüllt. Das micro compact home, zu Beginn auch i-home genannt, ist aus Aluminium, besitzt vier Fenster und steht auf Stelzen. Die Möbel im Inneren sind flexibel und zum Teil versenkbar. Zur Hightech-Ausstattung, die Energie sparend betrieben wird, gehören Klimaanlage, Internetverbindung, Plasmabildschirm sowie eine Induktions-Kochstelle, zum Teil von Siemens gesponsert. Geht der Würfel eines Tages in Serie kostet er 25.000 Euro. Bereits 2005 bezogen 6 Studenten einige der Wohnboxen, die in der Münchner Innenstadt zu einer Siedlung aufgestellt waren. Das so genannte „o2 student village“ (benannt nach dem deutschen Telekommunikationsunternehmen) erfreute sich bei den Bewohnern so großer Beliebtheit, dass sie eine Verlängerung des ursprünglich auf sechs Monate begrenzten Zeitraums verlangten. Das micro compact home wurde auch im MOMA in New York ausgestellt. Es gilt als der Prototyp des Miniaturhauses in Europa. www.microcompacthome.de

 

SOMMERHÄUSER

The Wooden Boxes / Wien
Vom 18. August bis 7. September 2011 zeigte die TU Wien Modelle verschiedener, recht extravaganter Sommerhäuser aus Finnland und Österreich – The Wooden Boxes, die alle auf einem Prinzip beruhen: Klein aber sehr fein. Im Fokus der Minihäuser für den Sommerurlaub lagen klares Design und der natürliche Baustoff Holz. Ebenso wie in Österreich, wo die Sommerfrische gerade von jungen, gut situierten Großstädtern wieder entdeckt wird, gehört auch in Finnland das Sommerhaus zum guten Ton. Beim Urlaub in der Natur geht es den Finnen als auch den Österreichern vor allem darum, dieselbe so pur wie möglich zu genießen. Komfort, wie etwa viel Platz im Inneren des Hauses, warmes Wasser oder Elektrizität treten da schon mal in den Hintergrund. In der Ausstellung vom Institut für Architekturwissenschaften der TU Wien wurden jeweils zehn aktuelle Arbeiten der österreichischen als auch der finnischen Gegenwartsarchitektur gezeigt. Eines davon war der Hypercubus der Grazer Architekten WG3, der am Karlsplatz zur Begehung aufgebaut wurde.

Link Ausstellung http://www.tuwien.ac.at/aktuelles/news_detail/article/7116/

 

MOBILES HOTEL

Hypercubus, Graz
Ein Sommerhaus, ein mobiles Hotelzimmer für 2 Personen oder auch der Traum für jeden Festivalveranstalter in Österreich. Man stelle sich vor bei jedem großen Event kann die jeweilige Stadt einfach ein paar der mobilen Minihäuser aufstellen und so noch mehr Touristen in der umliegenden Region unterbringen. So lautete zumindest die Grundidee der beiden Architekten Matthias Gumhalter aus dem Burgenland und Christian Reschreiter aus Salzburg, die das Projekt unter dem Namen WG3 an der TU Graz entwarfen. Damit wollten sie ein neuartiges Tourismuskonzept mit so genannten PrePaid.Apartments unter einem einheitlichen Corporate Design schaffen. Heißt so viel wie die „Minimalhousing“ Apartments sehen alle aus wie der Hypercubus und werden je nach Saison oder Event einfach dort hintransportiert wo sie gebraucht werden. Der Hypercubus ist 7 Meter lang und rund 3,5 Meter breit und besteht nur aus schrägen Wänden. Dennoch bietet er alles, was man zum Leben braucht: Küche und Bad im Erdgeschoß, Wohnzimmer mit großer Glasfront im ersten und Schlafzimmer im zweiten Stock. Genug Platz, um ein paar Tage gemütlich zu wohnen. Ob in der Natur oder neben einem Freilichtkonzert. http://www.wg3.at/?page_id=194#1

 

MINIMAL WORKSPACE

Kleinstes Büro, Wien
„Das kleinste Büro Wiens“ – oder „Arbeiten in der Auslage“, so der Arbeitstitel der beiden Architekturstudenten Szabolcs Petöfi und Clemens Russ, die zwischen März und Juni 2010 in einer Auslage in der Innenstadt von Wien ihr Büro bezogen. „Da wir kurzfristig für den Zeitraum von vier Monaten einen Arbeitsraum benötigten, wir aber finanziell nur begrenzte Mittel hatten, nutzen wir die im Zuge einer Lehrveranstaltung zur Verfügung gestellte Auslage auf der Operngasse bei der TU Wien und funktionierten sie durch bauliche Maßnahmen zum kleinsten Büro Wiens um“, erklärt Petöfi. Nach der Grundsanierung des 3,5 x 1,2 Meter großen Glaskastens wurde der Raum durch ein maßgeschneidertes Möbel ergänzt. Dieser Tisch mit Sitzmöglichkeit ist funktional und exakt auf die Arbeitsbedürfnisse innerhalb der Räumlichkeiten zugeschnitten. Es gab zwei Arbeitsplätze, zahlreiche Abstellmöglichkeiten, sowie Sitzgelegenheiten für Klienten. Das Projekt des minimalen Arbeitsplatzes weckte großes Interesse bei den Passanten, vor allem wegen der Transparenz. Die Glasfront ermöglichte den beiden Architekten des Büros „unheilbar“ gleichzeitig auch ihre Arbeit nach außen zu präsentieren. www.unheilbar.at

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ÜBERNACHTEN IM KANALROHR

Parkhotel, Bottrop-Ebel
Moderner Städtebau macht erfinderisch. Im Parkhotel im Bernepark in Bottrop Ebel im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen kann man von Mai bis Oktober in komfortabel ausgestatteten Beton-Schlafröhren übernachten. Die umfunktionierten Kanalrohre mit einem Durchmesser von 2,4 Metern bieten im Inneren mit Doppelbett, Netzstrom und voller Stehhöhe mehr Komfort als man erwarten würde. Frühstücksraum und Minibar befinden sich in unmittelbarer Nähe, die Sanitäranlagen befinden sich im Haupthaus an der ehemaligen Kläranlage der Region. Die ungewöhnliche Idee stammt vom österreichischen Künstler Andreas Strauss (www.andreasstrauss.com) und wurde zusammen mit der Emschergenossenschaft verwirklicht. Strauss bezeichnet sein Parkhotel in Bottrop-Ebel als ein “Gastfreundschaftsgerät”, denn jeder Gast entscheidet selbst, was ihm die Übernachtung und das Kunstprojekt wert ist. Bezahlt wird, indem man das Geld einfach bei Abreise im Röhrenzimmer hinterlässt. Reservierungen über www.dasparkhotel.net/reservation

 

BUCH TIPP:

Mikroarchitektur, ImDETAIL

Kleine Bauten, temporäre Strukturen, Raumzellen

Christian Schittich, Herausgeber des Buches und Chefredakteur der Architekturzeitschrift DETAIL, hat in dem Buch „Mikroarchitektur“ Konzepte, Beispiele und Bilder kleiner Bauten mit alltäglichen und besonderen Funktionen gesammelt. Vom Kiosk über die Imbissbude bis hin zu Wohneinheiten finden sich viele innovative Lösungen auf begrenztem Raum. 176 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-920034-36-2

Erschienen in der ImDETAIL-Reihe, 69,90 € über www.detail.de

 

 

die schroeder
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