fernweh
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Hin und weg

„Ich hatte eine Farm in Afrika. Am Fuße der Ngong-Berge…“. Diese wenigen Worte, mit denen die Lebensgeschichte der dänischen Schriftstellerin Karen Christence von Blixen-Finecke, kurz Tania Blixen, in „Jenseits von Afrika“ beginnen, reichen aus, um mich im Geiste wie Mr. Spock & und seine Star-Trek-Freunde an eine Wasserstelle mit Antilopen und Zebras in der Steppe von Afrika zu beamen. Sicher, das geht vielen Frauen so. Doch ich warte nicht auf Robert Redford, der verschwitzt nach einer wochenlangen Safari gerade um die Ecke kommt. Ich will selbst auf Safari gehen.

Er packt mich immer wieder, dieser ziehende Schmerz, der Stück für Stück die Seele ergreift: Fernweh. Fast unerträglich wird es wenn ich Freunde zum Flughafen bringe. Meiner Ansicht nach können nur Masochisten das Flattern der gelben Zahlen und Buchstaben, die ferne Orte anzeigen, an Abflugtafeln ertragen. Passagieren an Bord eines Schiffes winken, das gerade aus dem Hafen ausläuft, macht mich wehmütig. Wie bestellt und nicht abgeholt stehe ich dann da wenn andere auf Reisen gehen.

Einige Psychologen erklären stark entwickeltes Fernweh oft mit der „Angst vor dem Erwachsenwerden“. Als würde ich nicht gerne Verantwortung übernehmen im Hier und Jetzt. Die Erklärung trifft sicher auf den ein oder anderen zu, ich bin allerdings mit meinem Leben hier (und manchmal auch da) sehr zufrieden, vielleicht sogar glücklich, wenn es so etwas überhaupt gibt. Doch seien wir einmal ehrlich „Ich hatte eine Altbauwohnung in Wien. Am Fuße des Karlsberg“, hätten Sie bei dem Einleitungssatz weiter gelesen?

Die philosophische Erklärung gefällt mir da schon viel besser: Das Reisen und die Existenz gehören zusammen. Für die Philosophen ist die Existenz nicht nur ein Sein, sondern immer auch mit einer Entwicklung verbunden. Die Existenz sei ein ständiges Sich-Weiterentwickeln, ein Lernprozess. Daher auch eine Art Zustand des Reisens. Für mich heißt das man sollte nicht immer nur „da sein“, um sein „Dasein“ zu fristen. Man entwickelt sich doch nur weiter, wenn man sich ab und zu einmal fortbewegt. Über den Tellerrand blickt, sozusagen. Und da der Weg ja bekanntlich das Ziel ist, bezeichnet Fernweh also nur den  Wunsch nach neuen Erfahrungen und damit nach der Weiterentwicklung seiner Selbst. Das Gegenteil von Fernweh, das Heimweh, ist dann wohl die Sehnsucht nach der Geborgenheit des Bekannten. Es soll übrigens noch viel schlimmer sein als Fernweh, sagen Betroffene. Doch letztlich ist das Fernweh doch nur die Suche nach dem Heimweh von dort.

 

 

*Diese Kolumne ist im Magazin complete, www.cardcomplete.com/magazin erschienen

 

die schroeder
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