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Hotel Mama…

…oder Pension Papa? Hemden bügeln, Geschirr abspülen oder Autoversicherung bezahlen lassen inklusive. Ein Aufenthaltsbericht:

„Das ist genau so, als ob ich mir als Frau am Abend die Drinks immer von den Typen bezahlen lassen würde“, argumentierte C. an dem Morgen im Sommer als der Artikel unseres Kollegen M. „Mama sagt der Kofferraum ist zu klein“ im Falter erschienen war. Eine kleine Gruppe Kaffee trinkender Kolleginnen stand in der Falterküche um sie herum und nickte zustimmend: „Wie alt ist er? Über dreißig? Und bringt die Hemden noch zum Bügeln noch zur Mama – unmöglich! Dass ihm das nicht peinlich ist darüber zu schreiben?“ Zu diesem Zeitpunkt hatte Kollege M. noch keine Ahnung, was er mit seinem Autotestbeitrag, in dem er beschrieb, dass seine Mama sich darüber beschwere, dass die von ihr frisch gebügelten Hemden, in dem kleinen Kofferraum des Zweisitzers wieder verknittern würden, ausgelöst hatte. ‚So ein Chauvi!’, dachte auch ich und schwang in das Klagelied mit ein. Doch schon bald musste man ein wenig Mitleid haben mit dem Kollegen. Noch heute, Wochen danach, hat er sich gegen kleine verbale Attacken der weiblichen Belegschaft auf den Fluren der Redaktionsräumlichkeiten zu verteidigen. Und auch die Briefe der Leserinnen kannten keine Gnade. Als Macho wurde er da bezeichnet weil er die Mutter als Haushälterin benutze, obwohl er ja schon längst ausgezogen und berufstätig sei. M. kann den Affront bis heute nicht nachvollziehen. Er argumentiert, wie übrigens die meisten Herren, die regelmäßig auf die Dienstleitungen der Mama zurückgreifen: „Warum denn nicht, die Mutter macht es doch gerne!“ Na also, wenn die Mutter es gerne macht, warum eigentlich regen wir Frauen uns darüber auf? Diese Frage brachte mich dazu, die stille Abmachung zwischen Mutter und Sohnemann einmal genauer zu beleuchten. Wer weiß, vielleicht sind es ja auch gar nicht nur die Männer, die sich hier und da ein wenig unterstützen lassen.

„Man muss sich genau ansehen, welche Funktion die Dienstleistungen zwischen Eltern und Kind erfüllen“, sagt Sonja Mach, Psychotherapeutin in Wien. „Ist die „Versorgung“ durch die Eltern ein Ausdruck von Liebe oder drückt sich darin auch emotionale Abhängigkeit aus?“ Nehmen wir als das klassische Beispiel, der Sohn bringt die Bügelwäsche zur Mutter. Dass der Sohn dadurch weniger Arbeit hat ist klar, er braucht die Hemden nur anziehen, ausziehen, das dazwischen erledigt die Mama. Wie damals als er noch Kind war. „Doch ebenso wichtig ist“, erklärt Mach „wie würde die Mutter die Zeit verbringen, wenn sie nicht die Haushaltstätigkeiten für den Sohn erledigt?“ Was hat die Mutter wirklich davon, die Hemden des Sprösslings zu entknittern?

Viele Mütter der älteren Generation definieren sich auch heute noch meist über ihre Aufgaben als Hausfrau. Oft haben sie keine eigenen Hobbys oder Interessen, die Freunde finden sich meist nur im familiären oder nachbarlichen Umfeld. „Manche Mütter achten weniger auf ihre eigenen Bedürfnisse, die Leere wird mit dem Gebrauchtwerden in der Familie gefüllt“, sagt Mach. Es kommt selten vor, dass der Sohn die Mutter fragt: „Bügelst Du mir mal meine Wäsche?“. Meist ist es die Mutter, die fragt: „Hast du noch Bügelwäsche? Dann bring mir die doch vorbei.“ „Man darf aber auch keine vorschnellen Schlussfolgerungen ziehen. Man sollte die Verbandelung zwischen Kindern und Eltern im gesamten jeweiligen Kontext, also im Einzelfall betrachten. So kann es auch sein, dass die Mutter ihre Kinder einfach gut und liebevoll versorgt wissen möchte. Vielleicht hat sie selbst in ihrer Kindheit negative Erfahrungen gemacht, sich vernachlässigt gefühlt und möchte jetzt in der Mutterrolle einfach alles besser machen“, meint die Therapeutin.

Als ich P., einem 38-jährigen Architekten, von dem Eklat nach dem Artikel erzähle, brachte er viel Verständnis auf für den Kollegen M. P. habe sogar oft ein schlechtes Gewissen, wenn er der Mama die Hilfestellung untersage. „Immer wenn sie zu Besuch kommt, das ist etwa ein Mal im Monat, fängt sie sofort an zu putzen. Wenn ich es ihr dann verbiete und sie bitte, am Tisch Platz zu nehmen, weil ich mich schon um alles kümmere, wird es nur noch schlimmer. Sie kann kaum ruhig sitzen, hämmert mit dem Fuß auf den Boden und blickt sich fremdelnd in der Wohnung um, als sei sie noch nie zu Besuch bei mir gewesen. Nach dem dritten Mal „Soll ich dir nicht doch helfen?“ gebe ich meist auf und lasse sie abspülen.“ Ein anderer Bekannter O., Künstler, 34 Jahre alt, wird regelrecht mit Telefonanrufen drangsaliert, wenn er sich nicht das sonntägliche Mittagessen bei der Mama abholt und der 36-jährige Marketingmanager C., dessen Eltern in Deutschland leben, erhält ein Mal im Monat ein Paket mit Putzmitteln zugeschickt. Die seien besser als die in Österreich, so die Mutter.

Die Mütter bügeln also Hemden, zahlen den Friseur („Junge, Du musst Dir mal wieder die Haare schneiden lassen!“), kaufen Bettwäsche und Handtücher und kommen ab und zu zum Putzen vorbei. Die ein oder andere reagiert auch schon ein mal beleidigt, wenn ihr „das Kind“ die Hilfeleistung untersagt. Sicher, wenn die Eltern nicht loslassen können übt das Druck aus. Aber seien wir doch einmal ehrlich. Ist es nicht auch so, dass die „Arbeitbeziehung“ zwischen Mutter und Sohn so gut funktioniert, weil Mann einfach auch nicht gerne den Haushalt macht? Nun, zumindest der österreichische Mann nicht. Laut einer Oxford-Studie (siehe Marginalspalte) verrichten die österreichischen Männer einfach nicht gerne Haushaltsarbeit. Bei dem internationalen Vergleich liegt Österreich auf dem vorletzten Platz (von zwölf Nationen!), das heißt wir sind weit entfernt von gelebter Gleichberechtigung im Alltag. Und demnach ist der Mittdreißiger, der seine Haushaltspflichten an die Mama abgibt, also doch ein versteckter Macho.

Oder will man(n) einfach nur noch ein bisschen Kind sein dürfen? „In Beziehungen, egal welcher Natur, also auch in denen zwischen Eltern und Kindern gibt es immer wieder Phasen der Nähe und Distanz“, erklärt Mach. „Die erste Ablösung von den Eltern erfolgt im Trotzalter ab dem 2-3 Lebensjahr, später grenzt sich das Kind in der Pubertät wirklich ab zu den Eltern, es entwickelt eine eigenständige Lebensanschauung. Eine Zeit heftiger Konflikte.“ Das bedeutet also, der Sohn müsste lernen mit Respekt und Dankbarkeit Nein zu sagen, um sich komplett zu lösen. Der Preis dafür: das Erwachsen sein. Nur vielleicht will er das ja gar nicht. Immerhin ist es kein Geheimnis, dass der derzeitige Mitt-, Enddreißiger sich selbst als Berufsjugendlichen sieht. Ist ja auch legitim. Allerdings ist darauf zu achten, dass zwischen dem ‚sich-die-Freitag-Tasche-umhängen’ und dem ‚sich-die-Hemden-bügeln-lassen’ ein großer Unterschied besteht. Letzteres kann auch Auswirkungen haben kann auf die eigene partnerschaftliche Beziehung. Um es deutlich zu machen hier das Extrembeispiel Mamasöhnchen. Damit sind Männer gemeint, die mit Mitte dreißig noch bei den Eltern oder mit der Mama zusammenwohnen. Solche Männer haben es oft schwer, eine echte Partnerin zu finden und zu halten, denn die Frau an ihrer Seite tritt automatisch in Konkurrenz mit der Mutter. ‚Mama ist die Beste’ – und die nimmt dem Sohn ja auch alles ab. Erst das Bügeln, dann die Verantwortung für das eigene Leben und letztlich dann auch die Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen. „Wenn die Frau oder Freundin jedoch kein Problem damit hat, dass ihr Freund oder ihr Mann hin und wieder auf die Hilfe der Mutter zurückgreift, kann man die Dienstleitung aber auch als entlastende Ressource sehen“, sagt Mach. „Gerade wenn beide Partner berufstätig sind oder selbst schon Kinder da sind, dann kann auch die Hilfe der Oma sehr erleichternd sein.“ Zum Erwachsensein gehört eine gewisse Selbstständigkeit. Letztlich wird der Grad des Erwachsenseins aber nicht nur an der Fähigkeit gemessen, ob man bügeln kann oder nicht. Sich ab und zu unterstützen zu lassen ist also nicht unbedingt ein Zeichen von Unreife. Vor allem dann nicht, wenn es auch den Müttern schwer fällt, loszulassen. Unsere Gesellschaft macht uns das Ablösen auch nicht immer leicht. Denn nach wie vor wird die komplette seelische Unabhängigkeit der Söhne und Töchter mit Lieblosigkeit gegenüber der Eltern verwechselt. Eine gute Familie ist für die meisten immer noch eine, in der man in ungetrübter Harmonie dauerhaft aneinander gebunden sind.

„Ein Aspekt der Ablösung ist sicherlich die emotionale Seite. Doch ein anderes Zeichen ist auch die eigene existenzielle und finanzielle Versorgung“, erklärt Sonja Mach. „Das Erwachsenwerden wird häufig auch in Ritualen ausgedrückt. Hier gibt es viele kulturelle Unterschiede: In Naturvölkern etwa gibt es Initiationsriten, die dem jungen Menschen und dem ganzen Dorf zeigen, das er oder sie nun Erwachsen sind. In unseren Breiten ist es vielleicht Abschluss einer Ausbildung wie etwa die Sponsionsfeier nach dem Studium, danach wird oft auch die finanzielle Unterstützung eingestellt. Früher galt eine junge Frau als erwachsen, wenn sie geheiratet hat.“

Am letzten Wochenende im August saß ich mit zwei meiner unverheirateten Freundinnen am Naschmarkt beim Frühstück. Die vierte im Bunde, A., hatte sich wie immer verspätet. „Tut mir so leid“, sagte sie und ließ sich in den Sessel fallen. „Ich hatte gerade einen Streit mit meinen Eltern. Mein Vater will mir die Auto-Versicherung nicht mehr zahlen.“ A. ist 36 Jahre alt, hat einen gut bezahlten Job im Krankenhaus und lebt mit ihrem Freund zusammen. Papa zahlt die Autoversicherung, eine logische Schlussfolgerung wie sie meint, immerhin hat er ihr ja vor zwei Jahren das Auto gekauft. Aha, also lassen sich die Mädels auch unterstützen? Aber sicher. Nach ein paar Befragungen in meinem weiblichen Freundeskreis stieß ich auf folgende spannende Informationen: Da gibt es etwa T., 35 Jahre, seit zwei Jahren Mutter, lebt mit ihrem Freund M. zusammen. Papa macht die Steuererklärung, für die Tochter und ihren Freund. „Bei mir war letztens der Wasserbeuler kaputt“, erzählte mir P., 38 Jahre, Internet-Galeristin. „Da hab zuerst meinen Vater angerufen.“ „Weil der das reparieren kann?“, fragte ich nach und hoffte, einen günstigen Haushaltshelfer gefunden zu haben. „Nein, der kennst sich technisch überhaupt nicht aus. Aber er hat mir einen guten Installateur aus dem Telefonbuch rausgesucht. Außerdem ist mein Papa auch gleich zu dem Termin mitgekommen und hat dem Installateur alles gezeigt.“ Ich selbst, 33 Jahre, Redakteurin, ebenfalls unverheiratet, habe heuer vor meinem großen Sommerurlaub einen kleinen finanziellen Zuschuss erhalten. Von Papa. Dass man auch heute noch ab und zu eine kleine Finanzspritze aus Vatis Portemonnaie erhält, finden übrigens die meisten meiner Freundinnen als auch einige der Kolleginnen, die mich am Tag des Erscheinens dieses Artikels in der Falterküche wahrscheinlich in die Mangel nehmen werden, vollkommen Ok. Papas greifen ihren mehr oder weniger erwachsenen Töchtern eben auch gerne unter die Arme. Genau so wie die Mamas den Söhnen. Nur die Mittel sind einfach andere. Ob die Väter beleidigt wären, wenn die Töchter den Zuschuss ablehnten? Keine Ahnung, ich habe es noch nicht ausprobiert. Aber ich sage das nächste Mal gerne Nein, wenn die Jungs sich das Bügeln von Mama beibringen lassen. Dann könnten die Töchter der Zukunft dann nämlich sonntags ihre gebügelten Blusen bei Papa abholen.

 

Dieser Artikel erschien vor einiger Zeit in der Stadtzeitung Falter, www.falter.at. Für den Falter Verlag war ich 5 Jahre als Redakteurin tätig.

 

Zusatzinfos:

Studie; Österreicher helfen nicht im Haushalt

Wenn es um Hausarbeit geht, sind die Österreicher auf vorletztem Platz. Das besagt eine Studie der Universität Oxford, die anhand eines Gleichberechtigungsindex zwölf Länder untersucht hat: Schweden und Norwegen liegen auf den ersten beiden Plätzen, unter anderem weil sie sich an der Hausarbeit beteiligen und damit die Gleichberechtigung der Geschlechter im Alltag leben. Dann folgen die Briten auf Platz 3 und die Amerikaner auf Platz 4. Die Österreicher befinden sich auf dem vorletzten Platz und werden nur von den Australiern übertroffen, die wohl überhaupt keine Lust haben ihren Frauen im Haushalt zu halfen. Spannend ist dabei vor allem auch, dass die Studie belegt, dass je weniger Gleichberechtigung in einer Gesellschaft herrscht, desto schwieriger ist es für emanzipierte Frauen einen gemeinsamen Haushalt zu führen. Auch wenn Männer oft laut ausposaunen sie seien für die Gleichberechtigung, ist es  nach wie vor so, dass die meisten lieber eine Frau zu Hause haben, die den Haushalt macht.

 

TIPPS

WERDET ERWACHSEN!

Für die Söhne:

Waschmaschine kaufen (gibt’s bei Hofer schon um 300 Euro)

Nur noch bügelfreie Hemden kaufen

– oder neuen Trend auslösen: Knitterlook

Bügelkurs machen (umsonst bei der Mama)

Der Mama einen Töpferkurs schenken

 

Für die Töchter:

Uraltes, gebrauchtes Auto kaufen, dann lernt man das Reparieren

Den Satz „Du, danke, aber ich verdiene genug!“ vor dem Spiegel üben

Steuerberaterkurs machen

Den Film „Vater der Braut“  mit dem Papa anschauen

Dem Bruder das Bügeln beibringen

 

 

Die Expertin:

Mag. Sonja Mach, Klinische- und Gesundheitspsychologie

Systemische Psychotherapie, Supervision

www.machsonja.at

 

die schroeder
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