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Nineeleven

Am Morgen des 11. September 2001 sprang ich um 8.30 Uhr panisch aus dem Bett. Ich hatte verschlafen und das Kamerateam der TV-Produktion „Gotcha Kids“ wartete schon vor dem Kaufhaus „Century 21“, vis-á-vis des World Trade Centers, auf mich. Besser gesagt, auf den Kaffee, für den ich als Produktionsassistentin zuständig war.
Jeder weiß ganz genau, was er am 11. September vor zehn Jahren gemacht hat. Meine Mutter etwa, die an diesem Tag in ihrer Boutique war, als sie eine Kundin um zwei Uhr fragte, ob sie das schon mit dem Flugzeug, das in das World Trade Center geflogen sei, gehört hätte. Sie verbrachte daraufhin den ganzen Tag mit Warten. Warten auf ein Freizeichen meines Handys in New York.

Es war ein sonniger, warmer Spätsommertag und der Himmel strahlte hellblau über ganz Manhatten – bis um 8.46 der American-Airlines-Flug 11 in den Nordturm flog und die Skyline mit einem schwarzen Rauchschweif durchzog. Die Nachricht im Radio, ein Sportflugzeug sei vor wenigen Minuten ins World Trade Center geflogen, ließ mich den Fernseher einschalten. Auf allem Kanälen der brennende Turm, von wegen ein Sportflugzeug. Keiner der Passagiere, die in dem Flugzeug saßen, überlebte den Aufprall, so viel konnte man zu diesem Zeitpunkt schon wissen.

An das Kamerateam denkend, sprang ich ins Taxi Richtung Downtown. Der Taxifahrer kam wegen des Staus nur bis zum Plaza Hotel am unteren Ende des Central Parks, meinte aber, ich solle, wenn möglich, nicht weiter runter fahren. Er hätte über Funk gehört, da würden brennende Teile aus dem Hochhaus fallen.

Ich entschied ins Büro an der Ecke 28. Straße 5th Avenue zu fahren und ging die Stufen zur Metro-Station herab. Warum die U-Bahn stoppte, in der ich saß, weiß ich bis heute nicht. Vermutlich wegen einer Bombendrohung eines Trittbrettfahrers, von denen es in den nächsten Tagen noch viele in der Stadt geben sollte. Ich wurde noch zwei Mal in einem Bus und ein Mal im Büro evakuiert. Gemeinsam mit etwa hundert anderen Fahrgästen ging ich die letzten 250 Meter durch den Tunnelschacht zu Fuß bis zur nächsten Station. Vorneweg der U-Bahnfahrer, der die Anweisung erhalten hatte, uns sofort dort herauszuführen. Seltsamerweise war ich in diesem Moment recht unemotional, vielmehr war ich gestresst, weil ich nur an den Dreh dachte, der sich am Tag zuvor bereits verzögert hatte. Dass mich dieser Moment in dem U-Bahnschacht Jahre später noch einmal einholen sollte, hätte ich nie gedacht.

An der Oberfläche angekommen, traf ich auf Jim, ein Versicherungsvertreter, den ich vorher noch nie gesehen hatte. Er erzählte mir, dass vor wenigen Minuten ein weiteres Flugzeug in die Türme geflogen sei. „It’s an attack, dear. They want to kill us. We have to leave the city…“ In dem Moment fiel mir auf, dass mein Handy nicht funktionierte, weil ich meine Eltern anrufen wollte um ihnen mitzuteilen, dass alles in Ordnung sei. Obwohl ich das selbst in dem Moment nicht wirklich glauben konnte, was vor allem an den Ohren betäubenden Sirenengesängen der Polizei- und Feuerwehrwagen, die in Richtung Downtown rasten, lag.

Im Büro kam ich gerade rechtzeitig um kurz vor zehn an, um auf dem Fernseher mit Assistentin Kelly und zwei anderen Kollegen mitzuerleben, wie der erste Turm einstürzte. Ich kann mich noch an das hysterische „Oh my God!“ der Moderatorin erinnern, als das Hochhaus wie in einem Roland Emmerich Kinofilm zusammenfiel. Dass ich mitten in dem Geschehen war, dass die ganze Welt live am Bildschirm mitverfolgte, realisierte ich erst, als wir gemeinsam mit unserem Chef Brad, der die ganze Zeit versuchte, das Kamerteam zu erreichen, auf das Dach des Bürohochhauses über der 5th Avenue gingen. Da war er, direkt vor mir, der schwarze Rauchschweif.

Um 10:28 Uhr plusterte sich die Rauchwolke auf. Das war als der Südturm des World Trade Centers, in dem ich zwei Tage vorher am Abend gegessen hatte, vor uns einstürzte. Mein Chef reagierte darauf mit dem Satz: „Ihr geht jetzt alle nach Hause. Wer weiß, wo die nächste Maschine einschlägt“ und blickte dabei auf das Empire State Building vier Blocks hinter uns.

Um 11 Uhr machte ich mich gemeinsam mit einem Strom erschütterter Menschen in Richtung Uptown auf. Busse und U-Bahnen fuhren nicht mehr in meine Richtung. Und auch Zivilflüge durften nicht mehr starten. Abfangjäger schützten New York vor weiteren Flugbomben. Den restlichen Tag verbrachte ich auf dem Dach des Apartments, ebenso wie halb New York, um auf die mittlerweile schwarze Staubwolke am Ende von Manhatten zu starren.

Mein Chef war der erste, der mich am Abend am Handy anrief, um mir mitzuteilen, dass den Kollegen nichts passiert sei. Meine Mutter kam ein paar Stunden später erst durch. Ich weiß noch, dass ich versuchte, sie zu beruhigen aber sie sagte immer wieder, sie hätte sich doch immer nur gewünscht, dass ich keinen Krieg miterlebe. Ich konnte ihre Worte zu diesem Zeitpunkt noch nicht verstehen, da ich mich – wie ich heute weiß – im Schockzustand befand. Dass ich den ganzen Tag über und auch noch einige Tage später Todesangst hatte, wie viele New Yorker auch, weil wir nicht wussten, ob und wenn ja, wo der nächste Anschlag passieren würde, war mir zu dem Zeitpunkt nicht bewusst. Dass ich zwei Nächte nicht schlafen konnte, schob ich auf den Krach, den die Hubschrauber, die im 30-Minuten-Takt im Tiefflug durch die Straßen streiften, um diese auszuleuchten, verursachten.

Gewissenhaft fuhr ich am 12. September in der Früh mit dem Bus ins Büro. Aussteigen musste ich auch diesmal wieder auf der Höhe des Plaza, die zweite Bombendrohung. Im Büro angekommen fand ich nur wenige Kollegen vor. Mein Chef Brad war bei Marketingchefin Elisa Zuhause, um sie zu trösten. Sie vermisste ihren Bruder, der, wie wir später erfahren sollten, zu den 2.982 Menschen, die am Tag zuvor umgekommen waren, gehörte. Er war später auch eines jener Gesichter, das die Straßen von New York pflasterte. Tausende von Fotos waren an Hauswänden, Mauern und extra errichteten Holzzäunen befestigt. Menschen auf Hochzeitsbildern, Jahrgangsabschlussfotos, privaten Urlaubsbildern, Bewerbungsfotos – jeder hatte einen Namen, eine Familie, die nach ihm suchte. Dazu unzählige Blumen, Flaggen, Button mit der Aufschrift „NY needs us strong“ und Plüschtiere, die am Boden niedergelegt waren.

Der Feuerwehrmann, der mich so fest umarmte, dass er mich vom Boden hochhob, war mit weißem Staub bedeckt. Er kam gerade von Ground Zero, wie man den Platz, an dem die Twin Towers standen, heute bezeichnet. Er bedankte sich bei mir und den hunderten von anderen Menschen, die Lebensmittel und wichtige Utensilien gesammelt hatten, für jene, die am Tag zuvor ihre Wohnung verloren hatten. Neben den Hochhäusern wurden auch unzählige, angrenzende Wohnhäuser zerstört.

Am Abend des 12. September fuhr ich bis zur Sperre in der 14. Straße Downtown – am Tag darauf wurde der ganze Bezirk bis zur 22. gesperrt. Ich spazierte in einer bis zum Knöchel reichenden Staubschicht, Papier, Aktenstücken, geschmolzenem Plastik, vorbei an einem ausgebrannten Taxi. Umso weiter ich in Richtung Downtown lief, desto dunkler wurde es am Himmel und desto stärker wurde der Geruch, den man am Tag danach bis zur 105ten Straße wahrnehmen sollte. Atmen war kaum noch möglich, ohne zu husten und der Gestank verbreitete sich als staubiger Geschmack im Mund. Zum Teil roch es nach Kerosin, zum Teil aber auch anders. Ein Freund, der lange Zeit als Zivildiener gearbeitet hatte, erzählte mir einmal, „diesen süßlichen Geruch, der von toten Menschen ausgeht, kriegst du nie wieder aus der Nase.“ An diesem Abend wusste ich, was er meinte.

Zum Glück hatte ich meinen Rückflug Anfang Oktober schon lange gebucht – denn alle, die weg konnten, wollten erst einmal raus aus der Stadt. Als ich dann aber wirklich ein paar Wochen später weg flog, fiel es mir doch recht schwer New York zu verlassen. Nicht nur weil ich plötzlich diese Panik verspürte in das Flugzeug einzusteigen.

Am 11. September war etwas passiert mit mir. Zum einen hatte ich mich so unsicher wie noch nie in meinem Leben gefühlt und zum anderen war da dieses starke Gemeinschaftsgefühl. Ich hatte mich als New Yorkerin gefühlt und wollte die Menschen, die das Ereignis mit mir durch gestanden hatten, nicht im Stich lassen. Vielleicht würde mich Zuhause auch keiner verstehen. Ich fühlte mich verbunden mit den New Yorkern, und es schien als ginge es ihnen genau wie mir.

Am Montag vor dem Anschlag hatten wir bei einem Dreh mit einem Kind noch Witze über den zynischen New Yorker gemacht. Das Kind sollte Passanten zum Mitmachen bewegen, damit wir ihre Reaktion mit einer versteckten Kamera filmen konnten. Der Kameramann meinte: „Kein New Yorker bleibt da stehen und hilft dem Kind. Der New Yorker steigt eher über das Kind drüber, wenn es am Boden liegt.“

Doch als ich am 13. September mit drei Kaffee auf einer Treppe vor einem Hauseingang auf das Team wartete, den Kopf leicht gesenkt, weil die Sonne mich blendete, hielt eine afroamerikanische Busfahrerin auf der Straße vor mir an, schälte sich aus dem geparkten Cockpit ihres Vehikels, und fragte mich: „Is everything allrigt, honey?“ Das war der Moment, an dem ich zum ersten Mal weinte. Und ich hörte nicht mehr auf bis zum nächsten Morgen.

Der U-Bahnschacht-Spaziergang holte mich erst drei Jahre später ein. In Form von Panikattacken, die immer dann einsetzten, wenn ich öffentliche Verkehrsmittel wie Busse oder U-Bahnen betrat. Im Februar 2002 bin ich noch einmal für vier Wochen nach New York geflogen, um eine Fotoreportage für meine Diplomarbeit über den „amerikanischen Patriotismus“ zu machen. Danach hat es fast 7 Jahre gedauert, bis ich wieder dort war. Auch wenn ich heute wieder problemlos U-Bahn-Fahren kann, ein Hochhaus betrete ich nach wie vor nicht gern. Dieses naive Gefühl der Sicherheit ist für mich am 11. September 2001 gemeinsam mit den Säulen des World Trade Centers eingestürzt.

 

 

 

 

die schroeder
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