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Pest in Pink

Verlieren unsere Töchter durch rosa Feen, Glitzer-Lipgloss und Prinzessinnen Outfits den Sinn für die Realität? Pink stinkt bereits vielen Eltern von Mädchen, dabei war die Farbe früher Jungs vorbehalten.

Beim Betreten der Zelle Nummer 301 im Schweizer Untersuchungsgefängnis Pfäffikon wundern sich nicht nur die Häftlinge. Die vier mal drei Meter große Zelle ist Pink gestrichen. Die Betonwände, die Decke, der Boden, die Tür, selbst der doppelte Maschendraht vor dem Fenster sind komplett rosa angepinselt. Doch mit Bestrafung hat das nichts tun, vielmehr mit Beruhigung – denn Rosa beruhigt. Der amerikanische Wissenschaftler Alexander Schauss beobachtete bereits vor dreißig Jahren, dass randalierende Gefängnisinsassen beim Anblick der Farbe Pink ruhiger wurden. „Die Farbe Rosa zieht Energie ab und die Herzmuskel können nicht schnell genug schlagen. Selbst wenn eine Person absichtlich versucht, in der Gegenwart von Rosa böse oder aggressiv zu sein, kann sie es nicht“, erklärte Schauss damals die Wirkung der Farbe. Er experimentierte mit unterschiedlichen Mischverhältnissen, um ein besonders beruhigendes Pink zu erhalten, heute unter dem Namen „Baker Miller Pink“ oder auch „Cool Down Pink“ bekannt. Diese Farbe wurde auch für die Zelle 301 in Pfäffikon benutzt. Die Pinke Zelle ist für besonders aggressive Häftlinge vorgesehen. Nur wenige Tage in Zelle 301 und der Gefangene sei viel ruhiger, so die offizielle Aussage der Gefängnisleitung.

Kein Wunder also, dass wir mit Rosa vor allem positive Eigenschaften wie etwa Schutz oder Sanftheit verbinden. Wir setzen die „rosarote Brille“ auf, sehen „rosigen Zeiten“ entgegen oder bekommen rosige Wangen, wenn es uns gesundheitlich gut geht. Das englische Pink leitet sich von dem Blumennamen Nelke ab, im deutschen Sprachgebrauch ist mit Pink aber oft die etwas schrillere Variante gemeint. Rosa ist sanft, lieblich, beruhigend – und vor allem weiblich behaftet. Eine medizinische These besagt sogar, dass die für Roterkennung zuständigen Gene auf dem weiblichen X-Chromosom gelagert sind. Ob Mädchen deshalb mit Rosa liebäugeln? Wie ist es dann zu erklären, dass Rosa noch in den 1920er Jahren einzig den männlichen Babys vorbehalten war?

1918 erklärte das amerikanische Ladies’ Home Journal, Pink sei die „kräftigere und damit für Jungen geeignete Farbe“. Und als die belgische Prinzessin Astrid 1927 ein Mädchen zur Welt brachte, musste sie umdekorieren, schrieb die amerikanische Time, denn schließlich sei die Wiege in Erwartung eines Stammhalters „in der Jungenfarbe“ dekoriert worden – in Rosa. Rot wurde in der Farblehre schon immer mit Leidenschaft, Kraft, Blut und Kampf assoziiert, es galt daher lange Zeit als „männliche“ Farbe. Rosa, das kleine Rot (gemischt mit weiß) wurde also den Jungen zugeordnet. Die Farbe Blau hingegen war bis in das 20. Jahrhundert den Frauen vorbehalten – in der christlichen Tradition und auch in der Kunstgeschichte war und ist Blau auch immer noch die Farbe der Jungfrau Maria.

Der Siegeszug des weiblichen Rosa begann erst nach dem Ersten Weltkrieg. Die Farbe Blau wurde gesellschaftlich zum Symbol für der Arbeits- und damit Männerwelt, etwa durch Marineuniformen und blaue Arbeitsanzüge. Kleine Jungen trugen plötzlich modische (marineblaue) Matrosenanzüge, weshalb für die weiblichen Babys ein Kontrast gefunden werden musste: Rosa. Spätestens als die erste Barbie 1959 in die Kinderzimmer der Mädchen einzog und später in den 1980er Jahren ihre ganzen pinken Accessoires wie Plastikkutschen, Ballkleidchen und glitzernde Haarspangen, nachkommen ließ, war der Siegeszug der Farbe beschlossene Sache.

Die Werbeindustrie überzog die Welt der Mädchen nach und nach mit rosa Zuckerguss. Und die Idee der Eltern, die eigene Tochter sei etwas ganz Besonderes und müsse wie eine Prinzessin verwöhnt werden, wurde auch mit aufgegriffen und geschickt umgesetzt: Rosa plus Prinzessin, die Verkaufsgarantie schlechthin. Kleine, hübsche Kunststoffpuppen, die in roséfarbenen Schlössern leben und funkelnde Ballroben tragen sind heute das Mädchenspielzeug am Markt. Die derzeit begehrteste Ikone: Prinzessin Lillifee. Das leicht magersüchtig wirkende Wesen kommt mit blonder Wuschelmähne, niedlichem Kussmündchen und glitzernden Flügeln daher, und ist, wie sollte es anders sein, von Kopf bis Fuß in hellem Rosé gekleidet. Lillifee’s Produktwelt, die von der Ball-Garderobe bis hin zum verschnörkeltem Interieur für ihr Blütenschloss im Zauberland reicht, füllt derzeit etwa ein Drittel jedes Spielzeuggeschäftes. Die Erfinderin, Modedesignerin Monika Finsterbusch, erklärt das Erfolgsrezept der Fee wie folgt: Lillifee entführe die kleinen Mädchen in eine Traumwelt, weit weg von Konflikten, Alltag, Schule und Eltern.

Was bei dieser Flucht vor der Realität sehr hilfreich ist, sind Produkte, die den kleinen Konsumentinnen dabei helfen, selbst so auszusehen wie eine Prinzessin: Etwa mit selbst klebenden Lillifee-Tattoos, dem Prinzessinnen-Shampoo, dem „Feenstaub“-Badeschaum mit Glitzerpartikeln oder einer Lipglosspalette, die an die neuesten Farben von großen Modelabeln erinnert. „Kindgerechte Schminkprodukte“, so lautet die groteske Beschreibung der Marke Little Girl für solche Verkaufschlager. Die Kinderkosmetik-Linie von Bipa richtet sich an fünfjährige „Girls“, denen ein komplettes Sortiment an bunten Lidschatten, Glitterlippenstiften, Nagellacken und Haarmascaras angeboten wird.
Pädophilie, so heißt der Panik einflößende Gedanke, der vielen Müttern und Vätern zu dieser Kampagne einschießt. Doch nicht nur diese Angst drängt sich auf, wenn sich das Kindergartenkind in eine sexy geschminkte Prinzessinnen verwandeln will.

Als „Pest in Pink“ bezeichnet Bascha Mika, langjährige Chefredakteurin der Berliner Tageszeitung „taz“, das Phänomen. Ihrer Meinung nach werden Dreijährige mit der Farbe Rosa und den dazugehörigen Prinzessinnen-Vorbildern, die derzeit in allen Spielzeugläden zu finden sind, für ihr ganzes Leben geprägt. „Rosa steht für süß, nett, klein, harmlos, unaggressiv und ungefährlich, und genau das soll durch diese Farbe, auch bei kleinen Mädchen, schon deutlich werden“, erklärt Mika. „Die kleinen Mädchen suchen später keinen Erfolg im Berufsleben, sondern träumen von einem konfliktfreien Leben an der Seite ihres Traumprinzen.“ In ihrem Buch „Die Feigheit der Frauen“, das Mika gerade der Öffentlichkeit vorgestellt hat und das einige Diskussionen ausgelöst hat, spricht sie sogar von einer Generation von jungen Mädchen, die von nichts anderem träumen, als sich mit aufgespritzten Lippen und Silikonbrüsten über die Laufstege der Welt zu modeln. Und von Müttern, die ihre Mädchen in rosarote Kleidchen, Kinderzimmer und Klavierstübchen packen.

Peggy Orenstein, ehemalige New York-Times Journalistin, unterstreicht diese These in ihrem gerade erschienenen US-Bestseller „Cinderella Ate My Daughter“: „Die Marketingstrategie der Spielzeughersteller verführt kleine Mädchen dazu, sich nur über Äußerlichkeiten zu definieren. Dieses Leben in Rosa ist nicht nur oberflächlich, sondern vor allem auch sexistisch. Am Ende geht es den Mädchen nicht mehr darum wer die Schönste ist im ganzen Land, sondern die Heißeste.“ Und das führt letztlich zu Vorbildern wie Paris Hilton, die aktuelle Teenie-Version einer Prinzessinnen-Barbie-Puppe. Paris trägt sexy Kleidchen, lächelt immer verführerisch und winkt sich von Event zu Event, alles was Frau heutzutage tun muss, um glücklich und berühmt zu sein. Doch wie sollen Eltern auf die Pinke Propaganda reagieren? Mit einem Boykott etwa wie die britischen Schwestern Emma und Abi Moore, die „Pinkstinks“, eine Kampagne gegen rosafarbene Geschenke für Mädchen ins Leben gerufen haben und nun hoffen, die rosa Pest aus den Kinderzimmern vertreiben zu können? (Mehr über die Kampagne unter www.pinkstinks.co.uk)

Von einem strikten Verbot sollte man jedoch Abstand nehmen. Wenn das Kind nicht haben kann, was alle anderen Kinder im Umfeld haben, könnte auch ein Konflikt bei dem Kind entstehen, der im Erwachsenenalter zurückkehrt. Bei der Frage nach Pink ist der Mittelweg wohl der Beste: Hier und da ein kleines Feen-Accessoire, das Prinzessinnenkleid nur zu Fasching tragen lassen und wenn es denn eine Barbie sein muss, dann bitte die im Business-Outfit (mit Laptoptasche!). Und wenn es einem selbst zu viel wird mit der Rosasucht der Kleinen, einfach für sich selbst einen rosa Raum zur Beruhigung einrichten. Nur die Wände der Mädchenzimmer auf gar keinen Fall in Pink streichen. Denn gerade unsere Töchter brauchen all ihre Energie und Kraft als Investition für eine gleich berechtigte Zukunft.

* Dieser Artikel erschien in leicht veränderter Version in der April-Ausgabe der WIENERIN 2011 – Dossier Royale Hochzeit.

 

die schroeder
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4 Comments
  1. Ich finde, das ist ein wirklich schöner Artikel, der mal den Hintergrund dieser “Mädchenfarbe” ein bisschen erläutert. Waren interessante Fakten dabei. Ich für meinen Teil habe mich ewig lang gegen Pink gewährt und erst so nach der Pubertät angefangen, die Farbe zu tragen. Gerade sitze ich hier in meinem schwarz-weiß-pinken Kleid und einer pinken Tasche :D Gerade im Sommer kann man darauf nicht mehr verzichten. Von pinken Fingernägeln einmal ganz zu schweigen ;)

  2. Toller Artikel! Zum Glück gibts soviele Variationen von rosa, da ist für jeden was dabei! Mein Lieblings”rosa” ist “Cerise” !!!
    Und über einen Nagellack in Silber würd ich mich auch ganz doll freun! Würd perfekt zu meinen Schuhe passen!
    lg Martina
    http://www.upcyclingdesign.at

  3. ich danke euch für die tollen kommentare – ja, auch ich kann auf pink manchmal nicht verzichten. hab mir gerade ein knallpinkes kleid gekauft, gegen das ich mich lange gewehrt habe…. in der kombination mit blonden haaren ist das recht grenzwertig. aber bei dem colourblocking trend kommt man nun mal nicht dran vorbei. und rot steht mir leider nicht. aber gerade im modebereich gibts viele feministische themen – von denen ich noch einige anpacken werde. morgen gibts den gewinner / die gewinnerin auf fb! glg yls

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