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Stadtmenschen

“Zurück zur Natur” könnte dieser Artikel auch heißen… oder “Mein erster Beitrag” auf meinem ganz eigenen BLOG – finally hab’ ich mich getrennt von künstlichen Namen und den Vorgaben großer Konzerne. Deshalb findet man auf “Die Schröder” auch nur Dinge, Menschen, Geschichten und Empfehlungen, hinter denen ich zu 100 Prozent stehe. Und damit man einen kleinen Einblick von meinen Vorlieben und Wesenzügen bekommt, hier gleich einmal eine Kolumne, die ich vor zwei Jahren in meiner Traumstadt und für kurze Zeit Wahlheimat verfasst habe, und die mich selbst immer wieder zum Schmunzeln bringt…

STADTMENSCHEN

Ich liebe die Natur. Allerdings sollte sie nicht allzu natürlich sein und ganz wichtig: man sollte sie in wenigen Minuten wieder verlassen können. Die natürliche Umgebung, in der ich mich gerade befinde und diese Kolumne schreibe, erfüllt beide Ansprüche: der Central Park in New York. Inspiriert von europäischen Parkanlagen erschuf man 1859 in der Mitte Manhattans einen künstlichen Erholungspark mit weitläufigen grünen Wiesen, acht großen Seen, einem Naturschutzreservat, Zoo, Theatern und Hundeplätzen, an denen heutzutage DJs die passende Hintergrundmusik zu Fiffis Gassigang auflegen. Kurz: Portionierte Häppchen künstlicher Natur, perfekt abgestimmt auf die Bedürfnisse von verwöhnten Stadtmenschen. Auf meiner Parkbank hier mitten im Grünen, vor mir ein Jazzsaxophonist, um mich herum adrett gealterte Upper-East-Side-Ladies, kann man sich nicht vorstellen, dass man mittendrin sitzt in einer Millionenstadt.

Das ist heuer übrigens mein Sommerurlaub: Zehn Tage New York. Rund um die Uhr Autokonzert gemixt mit Sirenengeheul, das man aus amerikanischen Krimiserien kennt, Passanten, die ihre von der Sommerhitze angestauten Aggressionen durch kleine Rempler in den überfüllten Avenues kompensieren und Szeneläden wie Abercombie & Fitch aus denen Technomusik sogar die Sirenen überdröhnt. In den Restaurants steht man „thirty to fourty minutes“ brav an der Bar, um einen Tisch zu ergattern. Etwa eine Stunde darf man sich derzeit im hippsten Lokal der Stadt, dem In-Franzosen „Pastis“ einreihen, um dann auf dem Gehsteig neben Müllkästen und verschwitzten Taxifahrern das viel zu teure Essen einzunehmen. Kleiner Tipp: Trotz der Wartezeit am Abend sollte man dort nicht am Tag essen. Das Pastis liegt im Meatpacking-District, und wie der Name schon sagt, duftet es hier während der Mittagssonne bei etwa 95 Prozent Luftfeuchtigkeit nach abgehangenem Schweinefleisch. Ähnlich wie den meisten, die sich bei diesen Zeilen nur darüber wundern können, wie man seinen kostbaren Sommerurlaub so verbringen kann, geht es mir, wenn Freunde mit leuchtenden Augen berichten, dass sie zwei Wochen Strandurlaub gebucht haben. Worte wie „verzauberte Inselatolle“, „menschenleere Strände“ oder „Sonnenbaden“ lösen bei mir keine Vorfreude, sondern seit jeher Panikattacken aus. Begründet durch die Angst sich zu Tode zu langweilen.

Schnell also wieder zurück zur Natur, die man problemlos verlassen kann. Meine Portion für heute wäre nämlich gestillt. Mit 4,1 Kilometer Länge und 840 Meter Breite hat der Park genau die richtige Größe, nur wenige Schritte Richtung Downtown und der weiche Jazz wird von hartem Gehupe abgelöst. Lief da nicht gerade Woody Allen an mir vorbei? Der alte Stadtneurotiker würde mich sicher verstehen. Er hat das Credo der Stadtmenschen schließlich in Worte gefasst: „Auch wenn ich es nie genutzt habe – Ich will sicher sein, dass ich um zwei Uhr nachts, wenn ich plötzlich Lust auf Wonton Entensuppe kriege, hinunter gehen, ein Taxi nehmen, nach Chinatown fahren und mit der Suppe zurückkommen kann.“

*Das Foto ist im Museum of Modern Art in New York entstanden

 

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